Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V. von 1988





Blätter aus der Dorfgeschichte

Alte Bäume sind von einem eigenartigen Zauber umgeben, besonders wenn sie einsam stehen. Ihre Wurzeln reichen oft tief hinab bis in den heidnischen Volksglauben. Hier brodelten zur Sonnenwende die Opferkessel und Druiden lauschten auf das Säuseln der Blätter, um die Stimme der Gottheit darin zu vernehmen. Die Plätze waren dem Volke heilig, und Eiche und Linde wurden ihm ehrwürdig.

Der Alte Wodan aber zog ab, und an Baldurs Stelle trat Christus; in den Schatten der Baumriesen ward das Kreuz gepflanzt.

Zahlreiche sind die Anhöhen im Dürener Land, wo Eichen und Linden ihre Kronen wölben über einem Kreuz. Nur selten findet man einen alten Baum auf einer einsamen Anhöhe stehen, ohne das der ehrwürdige Baum etwas zu erzählen hätte.

Die große wohl mehrere hundert Jahre alte Linde vor Berg vor Nideggen ist solch ein Baum. Die Ruhebank, die der Eifelverein, Nideggen hier hat anbringen lassen, will den Wanderer nur einladen, hier zu verweilen, um die herrliche Aussicht in das weiter Dürener und Jülicher Land zu genießen. Nach Osten gewahrt man bei klarem Wetter das Siebengebirge und gegen Süden die Hohe Acht und die Michelskapelle bei Münstereifel. Nach Westen folgte ein ganzer Kranz von Dörfern Kesternich, Steckenborn, Schmidt Vossenack, Bergstein, Brandenberg, Großhau und Kleinhau. In fernem Dunst das Zisterzienserkloster Mariawald. Das nächste Dorf, kaum 10 Minuten entfernt, - Abenden, ist nicht zu sehen, weil es an drei Seiten von Hügeln umgeben ist.

So liegt Berg am Fuße des Plateaus bei Nideggen, ein Dorf, das durch die sauberen Häuser in Holzfachwerk Eifelcharakter zeigt. Unter den Häusern ragt, wie auch anderswo, die altehrwürdige Klemenskirche hervor. Ihr Alter ist nicht genau bekannt. Sie soll aus dem 13. Jahrhundert stammen. Der Volksglaube aber gibt ihr Alter höher an und lässt sie ein ehemaliger heidnischer Tempel sein.

Zu diesen Vermutungen mag die Eigenart des Baues Veranlassung gegeben haben. Der Chor ist nämlich nicht in der Verlängerung der Hauptachse angebaut, sondern schief. Während das Gewölbe der Kirche aus Ziegelsteinen besteht, ist das Chorgewölbe aus Bruchsteinen hergestellt. Der Turmhelm war ehedem einer der höchsten in der ganzen Umgegend. Er fiel jedoch dem fürchterlichen Orkan zum Opfer, der am 12. März 1876 unsere Gegend heimsuchte. Glücklicherweise traf er im Niederstürzen nicht die anstoßenden Häuser, sondern fiel zerschmettert auf den Kirchhof. Den Turmhahn fand man wohlerhalten in dem Kohlbeet eines benachbarten Gartens. Der neue Turm in Berg wurde nur ungefähr halb so hoch geführt wie der alte.

Die Kirche hatte früher nur sieben Fenster vier an der Frauen - Nordseite - und drei an der Männerseite – gegen Süden -. Im romanischen Stiel gehalten, mit dicken Fensterkreuzen und mit Bleiverglasung versehen spendeten sie nur wenig Licht, zumal farbiges Glas das Licht dämpfte. Der Kirchenvorstand beschloss, die schweren Fenstersteine auszubrechen und schmiedeeiserne Fenster einsetzen zu lassen. Auf den Antrag eines Kirchmeisters wurde ein Fenster an der Frauenseite zum Andenken belassen und so das Fenster am so genannten Virnichsaltar vom Ausbruch verschont, bis es in jüngster Zeit ebenfalls weichen musste.

Die Gemeinde Berg vor Nideggen war ehemals unter dem Herzog von Jülich teils dem Amte Nideggen, teils und zwar mit dem größten Teil, der Unterherrlichkeit Thum zugewiesen. Zur Pfarrei Berg gehörten außer Thum und Thuir noch die Orte Brück-Hetzingen, sowie Blens und Abenden, letzter Ort jedoch nur teilweise. Von Brück-Hetzingen führte noch der so genannte Lichtweg – Leichenweg -, von Blens-Abenden der Kirchpfad nach Berg.

Die Namen der Pfarrer sind aus den vorhandenen Unterlagen vom Jahr 1524 an ununterbrochen bis jetzt überliefert. Ferner ist in den Urkunden im Jahre 1366 ein Andrehs von Lupenave als Pfarrer von Berg vor Nideggen benannt, ohne das über ihn oder aber seine nächsten Nachfolger etwas Näheres berichtet wurde.

Die Glocken unserer Pfarrkirche weisen ein ehrwürdiges Alter auf und gehören zu den ältesten Glocken im Kreise Düren. Die große Glocke hat folgende Inschrift:

O rex gloriae veni cum pace. Sankta Maria, virgo Anno MCCCLXXXX.

Die mittlere: Sent Clemens bin ich, vur Ungewider so luit man mich. Anno MCCL.

Die kleine Glocke, gleichsam das Aschenbrödel, hat weder Inschrift noch Jahreszahl, und passt auch in Bezug auf die Harmonie schlecht zu den übrigen Glocken. Sie hatte aber von jeher den Vorzug, dass sie oft ihre Stimme erschallen lassen konnte, wenn die anderen schweigen mussten. Auch weiß sie sich beim Zusammenläuten hervorzutun, so als wollte sie sagen: " Ich bin auch dabei ". Sie wurde in alter Zeit das Armsünderglöckchen genannt, weil sie geläutet wurde, wenn ein zum Strange verurteilter Verbrecher rücklings zum Breidel, zur Richtstätte gefahren wurde, dreimal gab sie in früherer Zeit ein Zeichen, wenn die zum Beichten angesetzte Zeit von der Kirchenuhr hallte.

Morgens und abends fordert sie mit ihrem Klang die Gläubigen zum Angelusbeten auf. Dreimal ertönte in alter Zeit ihr Schall, wenn der Priester gerufen wurde, um einer mit dem Tode ringenden Seele die letzte Wegzehrung zu bringen. Sie forderte dann die Gläubigen auf, das Allerheiligste bis zu Hause des Kranken und wieder zurück zur Kirche zu begleiten. Eine schöne Sitte, die früher rege Beteiligung fand. In der 47tägigen Fastenzeit rief unser Glöcklein jeden Abend die Gläubigen zum gemeinschaftlichen Rosenkranzgebet herbei. Dreimal schlägt sie zuerst allein an, wenn durch Glockengeläut der Tod eines Pfarreingesessenen angekündigt wird, und vor dem Beerdigungsläuten. Und wenn am Fronleichnamsfest die Prozession unter Glockengeläute zur Kirche einzieht und der feierliche Gesang des " Te Deum Laudanus" ertönt, begleitet von dem „Baß“ der großen und dem „Alt“ der mittleren Glocke, dann klingt die kleine Glocke mit ihrer klaren Sopranstimme durch, als wenn sie rufen wollte; "Hochgelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn!"

Im Jahre 1767 wurden auf Anregung des damaligen Pfarrers Theodor Naß und der Kirchenprovisoren Fr. H. Brementhall und H. J. Heinrich Zöll, dem Schreinermeister Anton Stark aus Kelz folgende Kirchenarbeiten übertragen:

Ein neuer Hochaltar für 102 Reichstaler, zwei Nebenaltäre für 65 Reichstaler, eine neue Kanzel für 50 Reichstaler. Für Vergrößerung der Kommunionsbank, die mit durchbrochenen Türen zu versehen war, 23 Reichsadler,für drei Altarantipendlen, Chorstühle mit Wandbekleidung und Ankleideschrank für die Sakristei, im ganzen 351 Reichstaler.

Da in der Kirchenkasse nicht so viel Geld war, streckten die drei Auftraggeber der Kirche 90 Reichsadler vor, bis sie die Summe abtragen konnten. Die Statue des hl. Klemens sowie die Muttergottes und des hl. Joseph wurden ebenfalls von der Kirche beschafft, ebenso vier Engel, zwei mit Weihrauchfaß und zwei mit Kerzenleuchter. Alle Figuren waren aus gebranntem Ton und wurden später? -chromiert.

Der hl. Klemens auf dem Schalldeckel der Kanzel und der Pelikan wurden jedoch vom Meister Stark in Holz geschnitzt. Vor die Figuren in den Altarnischen wurden das Jahr hindurch gemalte Bilder, auf Rahmen aufgezogen, hingestellt.

Im Jahr 1814 pflanzte man an der Südseite der Kirche auf dem Kirchhofe 34 Weidenbäumchen so genannte Pappeln, die im Jahre 1853 umgehauen wurden. Die Stämme, auf dem Kirchhofe zu Sparren geschnitten, wurden zu Kniebänkchen für die Kinder und zu Bänken für die großen Betstühle verarbeitet. In den alten Bänken der Seitenschiffe sind diese Weiden-Kniebänke noch vorhanden.

Später wurden an die Stelle der gefällten Pappelbäume Fichten gepflanzt. Beide Anpflanzungen waren für den Bau der Kirche nicht vorteilhaft, da sie Luft und Licht und besonders die Sonne abhielten, so dass das Dach anfing zu faulen. Auch blieben die Mauern trotz der Sonnenseite immer feucht, zumal keine Dachrinne vorhanden war und das Regenwasser des großen Satteldaches dicht an den Mauern niederfiel und in die Fundamente eindrang.

Im Jahre 1864 wurde das Innere der Kirche, besonders der Chor bemalt und bei dieser Gelegenheit leider die Altäre abgeändert. Die Türen in dem Hauptaltar, die geschnitzten Felder und einige Pfeiler wurden abgesägt. Das so genannte „Auge Gottes“ mit den vergoldeten Strahlen wurde von allen Altären abgebrochen. Zu diesem „Auge Gottes“ hatten wir Jungen oft mit Scheu und Ehrfurcht hingeschaut, wenn uns in der Kirche eine Anwandlung zum plaudern kam oder wenn wir unseren Vordermann für eine vor dem Gottesdienst erlittene Unbill einen Knuff mit der Faust in den Rücken geben wollten. Eingedenk des Spruches: „Ein Auge ist, daß alles sieht „; unterließen wir beides. So blieb also von dem reichgeschnitzten, großen Hauptaltar, der links und rechts bis an die Wandbekleidung der Chorstühle und oben bis an die Decke reichte, nur eine Bretterwand um das Tabernakel mit dem Pelikan in Breite des Altartisches und oberhalb desselben umfaßte die Wand, die Statue des Pfarrpatrons. Später machte man oberhalb der Statue des hl. Clemens ein Kreuz.

Die Chorsänger standen auf dem Chor, auf jeder Seite 4 bis 5, sie waren also richtige Chorsänger. Wenn bei außergewöhnlichen Anlässen mehrstimmig gesungen wurde, stand der Dirigent mitten auf dem Chor, die Violine unter dem Arm und dirigierte mit dem Bogen. Später wurde eine Sängerbühne gebaut, die zugleich als Orgelbühne bestimmt war, so kam Berg bald zu einer – fast hätte ich gesagt neuer – alter Orgel von Gürzenich. Man wird gedacht haben, die tut´s für Berg. Aber bald merkte man, daß sie sehr an Altersschwäche Asthma und sonstige chronischen Übel litt. Viele Reparaturen, neue Register und sogar eine zweite Klaviatur verhalfen ihr nicht zu einem Erfolg. Ein alter Chorsänger sagte einmal: „Dat dehng ddoog nett“. Dann erhielten wir um die nämliche Zeit auch einen „alten Himmel“ aus Froitzheim. Es war aber, glaube ich, einer von dem „ersten Himmel“, die gemacht worden sind, an denen der Meister nicht gepfuscht hat. Der Himmel war nämlich so schwer, daß er nur einmal benutzt worden ist, und die stärksten Junggesellen nicht mehr zu haben waren, ihn bei der Prozession durch das Feld zu tragen. Einmal fühlte er Träger die ganze Last, so daß er in die Knie sank.

Auf dem Kirchhof steht, von zwei mächtigen Kastanienbäumen beschattet, unser altes Missionskreuz mit der Kreuzigungsgruppe in Lebensgröße. Es stammt aus dem ehemaligen Nideggener Minorittenkloster, das im 18. Jahrhundert bei der französischen Invasion versteigert und auf Abbruch verkauft wurde. So kam die Kreuzigungsgruppe nebst dem ganzen Umbau in den Besitz der Pfarre Berg. Durch die Hilfe des Jünglingsvereins, der keine Opfer scheute, wurde die Anlage 1921 zu einer schönen Kriegergedenkkapelle umgebaut. Unter der Kreuzigungsgruppe, die von Meisterhand renoviert wurde, sind die Namen der Gefallenen aus unserer Gemeinde eingemeißelt worden.

Vor vielen Jahren stand unter dem schützenden Blätterdach einer uralten Linde, oberhalb des Dorfes, ein Bildstöckel mit dem Bildnis des hl. Clemens, das wie die Pfarrkirche von Berg dem Heiligen geweiht war. Die Linde wurde nach dem Clemensbilderstock genannt. An der damaligen Hauptverkehrsstraße der so genannten Römer – Trierstraße stehend, wurde das Bilderstöckel in den Kriegswirren und der Revolutionszeit um 1813 zerstört.

Ebenso fiel der Zerstörungswut der wilden Kriegshorden 1814, das an der gleichen Straße stehende Kreuz an der „Langenmaar„ zum Opfer. Nach den Kriegswirren wurde das von den Kosaken zerstöre Kreuz von der Familie Heinrich Schmühl wieder notdürftig errichtet, zerfiel aber leider bald wieder, und es wurde nun oberhalb des Dorfes „an der Drieht„ ein neues Kreuz errichtet. Die im Dornengestrüpp liegenden Steine des Langenmaarkreuzes fand später beim Kirchenumbau Verwendung. Der Ort wo es gestand hat und wo früher bei der Fronleichnams-Prozession der Segen gegeben wurde, ist keinem mehr im Gedächtnis.

Unweit des Clemenstocks steht heute noch an der Nideggener Chaussee, auf einer kleinen Anhöhe, das so genannte „Hubertushäuschen“, und zwar auf einer Parzelle, die wohl früher zu dem zwischen Berg und Nideggen gelegenen Kossheimerhof gehörte.

Dieser Hof musste früher bei Notfällen und auf Einforderung, einen Wächter als Stadt-wache stellen, war aber sonst ein freier Hof und stand in keinem Abhängigkeitsver-hältnis zur Stadt und Burg Nideggen.

Seit unendlichen Zeiten zogen zur Erfüllung eines Gelöbnisses unsere Vorfahren am 4. Bittage (Christi Himmelfahrt) eine Prozession zu vier Stationen, an denen eine Antiphon nebst Verse gesungen wurde. Die Prozession endet mit einem sakramentalen Umzug um die Kirche. Zu diesen vier Stationen gehörte auch als dritte das Hubertushäuschen. Aber nicht nur am Christi Himmelfahrtsfest und am St. Hubertustag wurde der Heilige dort angerufen, sonder auch zu vielen anderen Gelegenheiten.

Ungefähr 100 Meter vom Hubertushäuschen entfernt, an der Grenze der Gemarkung Berg – Nideggen, liegt an einem Kreuzweg, früher dicht von Bäumen und Hecken umschlossen, der Sichhausgarten, wo einmal ein Siechhaus gestanden hat. Dort wurden die Aussätzigen und die mit sonstigen ansteckenden Krankheiten behafteten Menschen untergebracht. Da an dieser Stelle oft Schandtaten und Verbrechen, sogar Mord und Totschlag verübt wurden, wurden dieses Haus (Häuser) um 1712 durch eine Verordnung aufgehoben. An die verrufene und gemiedene Stelle knüpfte sich bald eine Menge von Spukgeschichten, die sich bis zur letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts dort abgespielt haben sollen, so dass der nächtliche Wanderer, ehe er an die verrufene Stelle kam, sich eines Gruselns nicht erwehren konnte.

Heinz Bücker
Heimat- und Geschichtsverein
Nideggen e.V.




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