Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V.





Das Glasauge



Ein Mann aus Schmidt hatte als Kind einen bösen Unfall erlitten: Er war durch die geschlossene Glastür der Veranda gelaufen und hatte dabei durch Scherben ein Auge eingebüßt, das durch ein Glasauge ersetzt werden musste.

Vielleicht auch deswegen hatte er Medizin studiert und war Augenarzt geworden. In Fachkreisen war sein Name weithin bekannt und niemand hatte so viele Blinde sehend gemacht wie er. Seine Speziealität war die Transplantation von Augen.


Eines nachts – es war wieder spät geworden in der Klinik – war er auf der Fahrt nach Hause. Es regnete in Strömen. Ein Wagen vor ihm war eindeutig zu schnell, geriet in einer Kurve ins Schleudern und prallte mit erheblicher Wucht gegen einen Baum.

Unser Arzt hielt, um erste Hilfe zu leisten, sah aber, dass er zu spät kam. Der Fahrer war so schwer verletzt, dass er noch an der Unfallstelle verstarb. Der Arzt sah sich um, weit und breit war niemand zu sehen und auch nicht zu erwarten. Der Tote lag auf dem Rücken und starrte mit offenen Augen zu den Sternen.

Augen! Die Gedanken des Arztes wanderten zurück zu seinem eigenen Unfall. Er dachte an die vielen Operationen, mit denen die Sehkraft des einen Auges gerettet werden konnte und wie das andere Auge durch einen Glaskörper ersetzt werden musste. Der Tote hatte die gleiche Augenfarbe wie er. So eine Gelegenheit kam nie wieder!

Kurzentschlossen eilte der Arzt zu seinem Auto und kam mit seiner großen Arzttasche zurück. Schnell noch einen Blick in die Runde. Niemand zu sehen! Und mit einem geübten Griff entfernte er einen Augapfel des Toten und barg ihn in einem gekühlten Transportbehälter. Sein eigenes Glasauge nahm er heraus und setzte es mit kundiger Hand dem Toten ein.

Er drehte um und fuhr zur Klinik zurück. Dort half ihm sein ihm treu ergebener Assistent, das Auge des Toten in seine leere Augenhöhle einzusetzen. Nach Tagen der Ungewissheit nahm man ihm die Binden von den Augen: Er konnte mit beiden Augen sehen und brach in wilde Freudenrufe aus. Die Welt erschien ihm wie neu erschaffen.

Wochen vergingen. Eines Tages kam ein Kriminalbeamter zu ihm und fragte: „Herr Professor, ich brauche ihren Rat. Ich bearbeite einen Verkehrsunfall mit einem Toten (Der Professor spürte kalten Angstschweiß auf der Stirn). Ich stehe vor einem Rätsel. Wie kann es sein, dass jemand ein Auto fährt mit zwei Glasaugen“?

Merke: Zwei Glasaugen sehen mehr als eins!



Fotos: Groß, Plakate










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