Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V. von 1988





Der Lieberg

Auf der Fahrt von Düren nach Gemünd bildet die Landstraße zwischen Embken und Wollersheim die erste Steigung, die ernst zu nehmen ist. Bis dahin geht es durch ein welliges Hügelland an wogenden Saatfeldern vorbei.

Beginnend hinter dem Neffelbach, hat die Landschaft Eifelcharakter. Spätestens jetzt fühlt man sich aus der Niederung ins Gebirge versetzt. Die Landstraße durchschneidet einen Bergrücken, „Lieberg oder Lichberg“ genannt, wo der Wanderer die ersten grauen Kalksteinblöcke der Eifel sieht. Nach einer langen Serpentine erreicht die Straße vor dem Dorf Wollersheim vorläufig ihren Höhepunkt.

Da steht die Friedenslinde, ein stattlicher Baum, von Heribert Cramer nach dem französischen Krieg gepflanzt. Von dort aus genießt man eine herrliche Fernsicht, sowohl ins Dürener Land, als auch in die Nordeifel. Man blickt auf das weite Gebiet des Kermeters, die hellen Sandhügel von Mechernich und das alte Kirchlein auf dem Micheslberge hinter Münstereifel.

Flüchtig besehen bietet der Lieberg, die Durchbruchstelle der Landstraße, wenig Interessantes und doch hat er eine Flora von großer Mannigfaltigkeit. Die Natur schafft überall mit liebender Hand und pflanzt auch auf den kargen Felsboden.


Umgebung Nideggen, Foto: Ulrich Laube

Wenn die Viehweide auch mager ist, so ist das Gras doch süß und duftig. Am Rande stehen einige, vom Wind aufs Knie gebogene Kiefern, wenige Schlehensträucher und Heckenrosen. Im jungen Lenz; wenn dass Gras noch winterlich und farblos, schmückt sich der Berg mit Tausenden von Kuhschellen, große glockenförmige Blüten von violetter Farbe und goldgelben Kelchgrunde. Fest auf den Boden gekauert sind die schönen Blumen, die einem Gartenbeet alle Ehre machen würden. Es scheint, sie fürchten den rauen Wind, der noch über die Berge streicht. Nach der Blüte wachsen Stängel und Griffel, es bilden sich große federartige Büschel und der Wind kann mit dem Samen sein lustiges Spiel treiben. Dann folgt der stengellose Frühlings-Enzian mit kleinen Blattrosetten und langen blauen Röhrenblüten, ebenfalls eine rechte Gebirgspflanze.

Auf den schroffen Felsen, wo kaum ein Grashälmchen Nahrung findet gedeiht das Frühlingshungerblümchen, kaum drei Zentimeter hoch, mit winzigen fastlosen Blättchen und doch so klaren, lieblichen Blütchen, trotz seiner Armut und Dürftigkeit ein Bild sonniger Daseinsfreude. Ganz anders nehmen sich die Orchideen aus, von denen der Sommer eine ganze Reihe auf den Berg pflanzt: Das Salepknabenkraut mit abwärts gerichteter Unterlippe, das gefleckte Knabenkraut mit roten Blüten und köstlichem Duft. Auch auf dem trockenen Boden sehen sie wohlgenährt aus, tragen saftige Stängel und Blätter, denn beizeiten haben Sie Speise und Trank gehamstert und in unterirdischen Knollen aufgespeichert und so führen sie selbst in der Zeit der sommerlichen Dürre ein üppiges Wohlleben. Bei einer Orchidee, die nur wenige Exemplare aufweist, steht die Unterlippe einer braunen Hummel täuschend ähnlich.

Diesen Aufsatz verdanken wir Herrn W. Küppers, Lehrer in Embken, welcher diesen vor ca. 90 Jahren geschrieben hat. Die so liebevoll beschriebene Flora auf dem Lieberg findet man weiterhin auf dem Lieberg und in großer Fülle im Naturschutzgebiet des Breidels (Berg-Embken) und des Biesbergs (Thuir-Embken). Die erwähnte Friedenslinde viel dem Orkan Kyrill im Januar 2007 zum Opfer. Die Dorfgemeinschaft Wollersheim pflanzte an gleicher Stelle eine neue Linde. Im Wurzelbereich der Linde begrub man eine Edelstahlbüchse mit einer Urkunde, Zeitungsausschnitten und weiteren Dokumenten. Eine Bank und ein Findling runden nunmehr diesen Platz ab. Möge der neuen Linde ein langes Leben beschieden sein.

Heinz Bücker
Heimat- und Geschichtsverein
Nideggen e.V.


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