Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V. von 1988





Der Ruf der Taube

Einst hatte sich eine Kuh der Herde des Grafen Wilhelm (wir kennen ihn schon!) auf dem Weidegang verirrt und der Hirtenjunge musste ohne sie am Abend zurückkehren. Der Graf, dem dieses gemeldet ward, war darob sehr erzürnt und befahl dem Jungen, die Kuh bis zur Frühe des nächsten Tages herbei zuschaffen. Komme er ohne das Tier zurück, so werde der Scharfrichter seines Amtes walten und ihn auspeitschen.

Die ganze Nacht über irrte der Junge suchend und weinend durch den Busch, über Waldwiesen und Ginsterfelder, durch Feld und Wald, aber nirgends konnte er die Kuh finden. Vor Müdigkeit taumelnd und fast betäubt vor Angst betrat er am Morgen wieder den Schlosshof.

Der Graf aber war ein harter Mann und befahl dem Scharfrichter, seine Pflicht zu tun. Nackt und schluchzend stand der Junge, an einen Pfahl gebunden, auf dem Schlosshof und musste zusehen, wie der Folterknecht die Lederpeitsche zurechtlegte. In dieser großen Not und Bedrängnis flehte er zu seinem Schutzengel um Hilfe.

Schon hob der Knecht die Peitsche zum ersten Schlag, als plötzlich vom Turm des Bergfrieds eine Taube ihr Morgenlied rief. Aber alle, die diese Stimme hörten, der Junge, der Scharfrichter, der Graf und sein mitleidig zuschauendes Schlossgesinde, vernahmen aus dem Taubenlied den Ruf: „Loß d’Hirt gon, Kuh kimmt! Loß d’ Hirt gon, Kuh kimmt! – Guck!“

Foto: Archiv

Und als man vor das Schlosstor eilte, da sah man wirklich die verloren gegangene Kuh sich der Burg nähern.

Der Graf erließ dem Hirten gerührt die Strafe. Und da er selbst kinderlos war, nahm er den Jungen, der so offenbar unter Gottes Schutz stand, an Kindes statt an. Später wurde der Hirt selbst ein mächtiger Graf, aber nie hart und unbarmherzig zu seinen Unter-gebenen, denn der Ruf der Tauben erinnerte ihn stets an seine schwerste Stunde.

Und die Moral von der Geschicht’: Höre auf Taube!

Margot Klinke
Heimat- und Geschichtsverein
Nideggen e.V.

Quelle: Frei nach H. Theis


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