Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V. von 1988





Der Überfall auf das Wirtshaus Düttling im Jahr 1800

Es war der 20. Mai 1800, also vor und 200 Jahren, als der Überfall auf das Wirtshaus Düttling bei Hergarten (Heimbach) geschah.

Der Wirt Johann Nießen wurde um Mitternacht durch Geschrei und Lärm aus dem Schlaf geweckt. In der Meinung, es sei Feuer ausgebrochen, sprang er schnell aus dem Bett. Am Fenster hinausspähend, sah er draußen etwa vierzig! (also eine ganze Bande) fremde Kerle, die eben im Begriff waren, mit einem gewaltigen Baumstamm Hofmauer und Haustür einzurammen. Lichter und Fackeln verbreiteten hinreichend Licht, so dass er sofort die Lage übersah. Er sprang sogleich zum Zimmer des bei ihm logierenden Notars Bücker, der tags vorher einen Hebetermin in seinem Wirtshaus gehabt und viel Geld eingenommen hatte. Er rief ihm laut zu: “Wir sind alle verloren, das Haus ist rund herum von Räubern umstellt!“ Wahrscheinlich hatte die Anwesenheit des Notars die Räuber angelockt.Kaum hatten die jäh aus dem Schlaf Geweckten sich notdürftig bekleidet, da wollte Frau Nießen, die Wirtin , in ihrer Angst zum Fenster hinausspringen. Sofort riss der Notar sie zurück, keinen Augenblick zu früh, denn schon krachten zwei Schüsse, denen sie wahrscheinlich zum Opfer gefallen wäre. Im selben Augenblick brachen die Räuber auch schon durch die eingestoßene Tür in das Innere der Gaststätte ein.

Nun folgt der Bericht des Staatsrats Keil (etwa wie ein Staatsanwalt). Das erste Opfer ihrer Misshandlungen war der Fuhrmann Hentz aus Scheuren, der in der unteren Stube übernachtete. Sie knebelten ihn, zerschlugen ihm mit einem Stuhlbein den Kopf, so dass er von Blut bedeckt war und raubten ihm seine Barschaft und die wenigen Wertsachen, die er am Leibe trug. Der Schwiegersohn der Wirtsleute Nießen, Matthais Esser, mit seiner Frau, wurden in ihrem Schlafzimmer überfallen, geknebelt und ihres Geldes, der Ringe und Schmucksachen, beraubt, hatten aber sonst am wenigsten zu leiden.

Die alte Frau Nießen sprang in den Hof hinunter und fand ein sicheres Versteck; das Dienstmädchen kroch in den Hühnerstall und hielt sich dort bis zum Abzug der Bande verborgen. Nach dem glücklichen Entkommen seiner Frau hatte sich der alte Nießen, so gut es ging, in seinem Schlafzimmer verbarrikadiert. Es half ihm nichts. Gereizt durch seinen Widerstand rammten die Banditen die Tür ein und schlugen ihn mit ihren Pistolen und Gewehrkolben zusammen. Sie verlangen unter ständigen Misshandlungen die Herausgabe seines Geldes und Wertsachen. Umsonst berief der Unglückliche sich darauf, dass er, wie jedermann wisse, dergleichen nicht habe. Sie zerschlugen ihm den Ellenbogen und die Schienbeine auf das Unmenschlichste. Er hätte wohl sein Leben ausgehaucht, wenn nicht einer aus der Bande das Schlimmste von ihm abgewandt hätte. Halb ohnmächtig ließ man schließlich den alten Mann in seinem Blute liegen. Dem Notar Bücker ging es ebenso. Er wurde vollständig ausgeraubt. Als er gefesselt am Boden lag, rief einer von der Bande: „Gebt’s ihm gehörig! Er hat mir einmal einen schlechten Streich gespielt.“ An der Stimme erkannte der Notar einen gewissen Züll aus Hergarten. Eben wollte er dem Burschen widersprechen, als ein gewaltiger Schlag ihn traf, so dass das Blut heraus spritzte. Auch hier fand sich ein etwas menschlicher Gesinnter unter den Räubern, der ihn vor dem drohenden Tode rettete. Etwa eine Stunde hat das Einschlagen der Schränke und Truhen gedauert, als plötzlich die Bande abzog und Feuer ausbrach. Es gelang dem Notar und dem alten Nießen, sich trotz ihrer Fesseln durch die offene Tür bis zur Treppe zu wälzen und sich hinab rollen zu lassen. Auch der Fuhrmann entkam dem Feuer. Das Ehepaar Esser wurde durch das tapfere Dienstmädchen befreit. Dagegen verbrannten der Sohn Andreas der Eheleute Nießen und eine fünfjährige Enkelin, die in einer besonderen Kammer schliefen.

Bei der Gerichtsverhandlung wurde bekannt, dass Andreas Nießen einen der Räuber erkannt und ihn mit seinem Namen „Drickes“ angerufen habe. Darauf habe man einen halberstickten Schrei gehört und dann nichts mehr. Am anderen Morgen fand man in den Brandtrümmern ein blutiges Bajonett, den verkohlten Körper des Andreas Nießen und von dem Kind nur einige Knochen. Das Anwesen brannte völlig nieder. Der wohlhabende Nießen war über Nacht zum Bettler geworden. Auch der Notar wurde zum armen Mann, da er die ihm anvertrauten Gelder, eine große Summe, ersetzen musste. Diese Schandtat erregte weit und breit ungeheures Aufsehen.

Das Dienstmädchen, das in dem kommenden Gerichtsverfahren als Hauptzeugin auftrat, war später lange Jahre Haushälterin bei dem Pfarrer Grouven in Glehn und ist erst in den 1870er Jahren hochbetagt gestorben. Durch sie sind manche Ergänzungen des Keil’schen Berichts auf dem Weg der mündlichen Überlieferung erhalten geblieben.

Heinz Bücker
Heimat- und Geschichtsverein
Nideggen e.V.

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von Anton Könen, Mechernich, „Historische Kriminalfälle in der Nordeifel“






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