Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V. von 1988





Die Einquartierung

Die Stadt Nideggen und das umliegende Land haben schon immer sehr unter den Kriegen und Erdbeben der früheren Jahrhunderte gelitten.

Durchziehende Kriegsvölker die in wilden Horden einfielen, die Ihr Unwesen trieben, sich wie die Barbaren aufführten, machte der Bevölkerung ebenso zu schaffen.

Hier erzähle ich die folgende Geschichte, die vor rund 100 Jahren aufgeschrieben wurde, die sich jedoch im 18. Jahrhundert abgespielt haben soll.

Unser Städtchen war wieder einmal sehr stark mit Einquartierungen und zwar mit feindlichen Truppen belegt. Nicht einmal eine allein stehende Witwe blieb verschont und bekam einen Krieger ins Quartier. Während die Bevölkerung über Grobheit, Misshandlung, Diebstahl und Beraubung zu klagen hatten, wurde jener Witwe auf andere Weise klar gemacht wer hier das Sagen hatte.

Eines Mittags hatte der Soldat auf dem Speicher unter Gerümpel eine Wiege aufgestöbert, die schon lange in den Ruhestand versetzt worden war, weil sie so groß und schwer war. Der Soldat schleppte die unförmige Wiege, die einem Nachen gleicht, mit Gepolter die Treppe herunter und bringt sie ins Wohnzimmer, wo die alte Frau vor Verwunderung kein Wort zu sagen weiß. Sofort aber wird die Wiege benutzt. Vor den Augen der erstaunten Frau legte sich der Soldat in die Wiege und befiehlt seiner Wirtin ihn zu wiegen. Das war der gutmütigen Frau nun doch etwas viel und sie weigerte sich ein so „großes Baby“ zu schaukeln.

Aber der Krieger befahl es. Alles Sträuben half nichts und die Frau musste schließlich gehorchen und nun jeden Mittag ihr großes, bärtiges Baby wiegen und dabei sogar noch singen: „ Ich don jo nühs lever, als weege menge Kreger“ .

Nichts fiel der braven Frau den ganzen Tag schwerer als dieses Wiegenlied. Der Soldat merkte das wohl und grinste vergnügt und reizte die Frau durch ein verschmitztes Lachen täglich mehr. Schließlich sann die Frau auf Abhilfe. Sie klagte das Leid ihrem Bruder, den das Ansinnen des Soldaten in Rage brachte. Er ging zu dem Befehlshaber und erhob in aller Form Beschwerde gegen den Soldaten. Der Befehlshaber wollte der Anzeige anfangs keinen Glauben schenken; dann aber sagte er zu, die Sache selbst zu untersuchen und zwar schon am nächsten Tage.

Der Bursche des Befehlshabers hatte diese Unterredung mit angehört und teilte dem beschuldigten Soldaten, seinem Kameraden, sofort mit, dass der Befehlshaber am anderen Tage nach Mittag in sein Quartier kommen werde und sich von der Tatsache zu überzeugen. Was tut der pfiffige Soldat, um sich aus der Patsche zu ziehen. Am anderen Tage legte er sich nicht in die Wiege, sondern forderte seine Wirtin auf, sie sollte sich doch einmal in die Wiege legen, er sei schließlich kein Tyrann, wollte dankbar sein und sie heute etwas wiegen. Das war der Frau noch weniger recht, an solche Zumutung hatte sich nicht gedacht, sie weigerte sich unter widerstrebenden Gebärden ganz entschieden. Aber der Soldat verstand keinen Spaß und duldete keinen Widerspruch. Alles Widersprechen und Sträuben half nichts, die Frau musste sich in die Wiege legen. Ihr Gesicht kann man sich vorstellen und es wurde auch nicht freundlicher, als der Soldat herzhaft anfing zu schaukeln und zu singen.

Plötzlich ging die Tür auf, und der gestrenge Befehlshaber erschien auf der Bildfläche. Er sah zu seinem Erstaunen, dass nicht der Soldat sich wiegen lässt, sondern die Frau. Er musste zwar lachen über den Anblick, aber er macht dem Soldaten, den er wohl durchschaut haben mag, klar, dass es eines Soldaten unwürdig sei, alte Frauen zu wiegen.

Der Soldat erhielt ein anderes Quartier. Die Wiege wurde entzwei geschlagen und als Brennholz genutzt, damit niemand mehr in Versuchung komme, alte Frauen zu wiegen.

Margot Klinke
Heimat- und Geschichtsverein
Nideggen e. V.

Soldaten vor der Burg - Foto: Archiv


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