Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V. von 1988





Die Nacht auf dem Galgen

Vor langen Jahren war ein Nideggener verspätet auf dem Heimweg. Es war schon gegen Mitternacht, als er durch ein dunkles Gehölz marschierte. Der bleiche Novembermond gab nur spärlich Licht, als ihm ein finsterer Kerl in den Weg trat und mit gezücktem Messer Geld von ihm forderte.

Der Wanderer aber schlug ihn mit seinem Knotenstock zu Boden und flüchtete über Stock und Stein in die Dunkelheit. Der Räuber aber rappelte sich auf und verfolgte ihn mit üblen Flüchen. Der nun sprang durch das Gebüsch und hastete über Wurzeln und Stümpfe keuchend und voller Angst davon. Schließlich gelangte er auf eine Lichtung, wo der Galgen der Stadt stand; daran baumelten drei Gehenkte und bewegten sich im leichten Nachtwind. Dazu ließ eine Eule ihren dumpfen Schrei los.

In seiner Not kletterte der Wanderer, den Knotenstock zwischen seinen Zähnen, den Galgen hinauf und legte sich der Länge nach auf den Querbalken. Zwar stieg von den unheimlichen, schweigenden Gesellen, deren zerfetzte Kleider am Leibe flatterten, der Modergestank stark herauf und das Nachtgetier krächzte schauerlicher als zuvor.


Bild: Th. Broere

Er zwang sich, still liegen zu bleiben in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden, doch er hatte sich getäuscht. Der üble Kerl kicherte hohl und begann, ebenfalls, auf den Galgen zu klettern. Wie er schon halb oben war, gelang es dem Verfolgten, den Strick eines Gehenkten zu fassen. Schnell bewegte er ihn hin und her, der Tote drehte sich und schlug mit eiskalter Hand dem Spitzbuben ins Gesicht. Der aber glaubte, der Tote verbitte sich die Störung seiner ewigen Ruhe und wolle ihn zu sich nehmen in sein dunkles Reich. Seine Kräfte verließen ihn und er stürzte mit heiserem Schrei in die Tiefe.

Als der Wanderer nun auch noch tief und feierlich von seiner Höhe ihn verfluchte, weil er die Totenruhe gestört habe, war es um den Mut des Gauners geschehen und mit gesträubten Haaren floh er von dannen. Der Nideggener stieg nach einer Weile herab und setzte seinen Heimweg unbehelligt fort. So hatte ein Toter ihm das Leben gerettet.



Margot Groß
Heimat- und Geschichtsverein
Nideggen e.V.

Quelle: Frei nach Th. Seidenfaden






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