Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V. von 1988





Die Siebolds

In Nideggen gibt es die von der „Abendener Straße“ zum „Eisernen Kreuz“ ansteigende „Von-Siebold-Straße“. Dieser Straßenname weist auf eine Nideggener Arztfamilie hin, die durch ihren Sohn Carl Caspar in Würzburg sehr bekannt wurde und in den erblichen Adelsstand erhoben wurde.

Am 4. und 5. November 2011 wird anlässlich des Geburtstages von Carl Caspar vor 275 Jahren eine Abordnung der „Von-Siebold-Gesellschaft“ aus Würzburg in Nideggen weilen. Der Heimat- und Geschichtsverein Nideggen nimmt diesen Besuch zum Anlass, die Geschichte der Familie Siebold noch einmal zu beleuchten.

Grundlage für die folgenden Ausführungen ist die zum 65jährigen Bestehen der Firma Dr. Degen & Kuth (Düren-Rhld, 1952) erschienene Schrift von Prof. Dr. med. et phil. J. Steudel „Die Siebolds – ein hervorragendes Ärzte-Geschlecht aus dem Dürener Land“.

Begründer dieses herausragenden Ärzte-Geschlechts ist der „Chirurgus“ Johann Christoph Siebold (* 1701 in Darmstadt ; † 1766 in Nideggen), der im Juli 1729 - gegen Zahlung von zwei Goldgulden, der Vorlage seines Lehrbriefes und des Nachweises, aus dem Militärdienst entlassen worden zu sein – in das Bürgerregister der Stadt Nideggen aufgenommen wurde. Sein beruflicher Werdegang fing mit einer Lehre bei einem Barbier an. Barbiere wurden im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit die Personen genannt, die im Bereich der Körperpflege, Wundheilung und Krankenpflege tätig waren. Sie pflegten die Haare und Bärte ihre vorwiegend männliche Kundschaft. Daneben gehörte es aber auch zu ihren Aufgaben, Zähne zu ziehen, zur Ader zu lassen und Klistiere zu setzen. Danach war Johann Christoph Siebold Feldscher beim Militär und musste auf dieser untersten Stufe der früheren Militärärzte zum Beispiel Wunden mit Glüheisen ausbrennen, Kugeln aus Verwundeten herausziehen, Gliedmaßen einrenken und auch amputieren. Mit noch nicht einmal 25 Jahren nahm er das Amt des Regimentschirurgus bei einem kurbayrischen Truppenverband an. Möglicherweise haben ihn Kriegsdienste in das Rheinland und nach Nideggen gebracht, wo er 1726 Esther Brünninghausen, die Tochter des ehemaligen Stadtschreibers Johan Peter Brünninghausen, kennenlernte und heiratete. Vorher musste er jedoch vom protestantischen zum katholischen Glauben übertreten! Johann Christoph Siebold war in Nideggen erfolgreich als Bader (Arzt der kleinen Leute) und Wundarzt (heute: Chirurg) tätig, wurde nach einigen Jahren zum Ratsherren gewählt und übernahm 1760 sogar das Amt des Bürgermeisters.

Von den sieben Kindern der Familie Siebold wuchsen nur zwei Söhne und eine Tochter heran. Carl Caspar (* 4. November 1736 in Nideggen; † 3. April 1807 in Würzburg) sollte die medizinische Tradition der Familie fortführen. Seine schulische Ausbildung erfolgte im Kloster der Minoriten in Nideggen und bei den Jesuiten in Düren. Mit 16 Jahren immatrikulierte er sich in der philosophischen Fakultät der Universität Köln zwecks Vorbereitung auf das geplante Medizinstudium. 1755 starb jedoch seine Mutter und so half er zwei Jahre lang seinem Vater in der wundärztlichen Praxis. Diese praktische Arbeit gefiel ihm so sehr, dass er sich, statt zurück zur Universität zu gehen, der französischen Armee anschloss, den Chirurgen bei ihren Operationen assistieren durfte und am Unterricht in Anatomie und anderen medizinischen Fächern teilnahm.

Im Januar 1760 wurde er in das Feldspital nach Würzburg versetzt. Als am dortigen Julius-Spital die Stelle des ersten Gehilfen frei wurde, schied Carl Caspar Siebold aus der Armee aus und begann am 1. April 1760 seinen Dienst als wundärztlicher Gehilfe. Gleichzeitig konnte er sein Studium an der medizinischen Fakultät der bischöflichen Universität aufnehmen, welches er im Mai 1763 mit Erfolg abschloss. Auf Betreiben und auf Kosten des Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim, der in Würzburg fähige und auf dem neuesten Stand der Kenntnisse stehende Chirurgen heranbilden wollte, wurde Carl Caspar Siebold im August 1763 zur Erweiterung seiner Kenntnisse nach Frankreich (Paris, Rouen), England (London) und Holland (Leiden) geschickt. Nach seiner Rückkehr im März 1766 wurde er zum Leibchirurgen des Fürstbischofs ernannt und chirurgischer Obergehilfe am Julius-Spital. 1769 erhielt er den Doktortitel, wurde Oberwundarzt im Julius-Spital und man übertrug ihm den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Geburtshilfe. Beide Tätigkeiten übte er bis 1807 aus.

Carl Caspar Siebold verdankt die Würzburger medizinische Fakultät ihren Aufstieg zu einer der führenden in Deutschland. Ein in Würzburg erworbenes Diplom war einem aus Wien oder Göttingen ebenbürtig.

Beharrlich arbeitete er an dem Ziel, mit einem vollständig ausgebildeten Chirurgen die bis dahin bestehende Trennung von Medizin und Chirurgie zu beseitigen. Schwerpunkt seines Unterrichts war nicht mehr der Hörsaal, sondern der Operationstisch und der Präpariersaal. Er erkannte und lehrte die Bedeutung von gewissenhafter Sauberkeit, sorgfältiger Blutstillung, umsichtigen Handelns und manueller Geschicklichkeit Bei allen chirurgischen Eingriffen, die Carl Caspar Siebold durchführte, waren seine Studenten sowie Badergesellen und Feldscher zugelassen. 1803 erreichte er schließlich, dass das Julius-Spital einen modernen Operationssaal mit einem verstellbaren Operationstisch sowie Nebenräumen für z.B. medizinische Geräte und die Versorgung der frisch operierten Patienten erhielt.

Daneben kümmerte er sich um die Verbesserung des geburtshilflichen Könnens bei Hebammen, Chirurgen und Ärzten. Auf sein Betreiben hin wurde 1805 eine Entbindungsanstalt in Würzburg geschaffen, die besser war als die aller anderen deutschen Universitäten.

Carl Caspar Siebold gehörte bald zu den führenden deutschen Chirurgen und wurde 1801 von Kaiser Franz II als erster Chirurg in den erblichen Adelsstand des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation erhoben.

Die vier Söhne Carl Caspars von Siebold waren ebenfalls Ärzte. Diese „Würzburger von Siebold“ stellten auch in der nachfolgenden Generation hervorragende Ärzte. Genannt werden soll hier nur Philipp Franz von Siebold (* 17. Februar 1796 in Würzburg; † 1866 in München). Er gilt als Japanforscher, war daneben aber auch längere Zeit so erfolgreich als Arzt in Japan tätig, dass die japanische Regierung 1870 beschloss, das gesamte Medizinalwesen und die ärztlichen Bildungsanstalten von Deutschen nach deutschem Vorbild einrichten zu lassen.

(Foto etwa aus dem Jahre 1890)

Erster moderner Operationssaal der Welt; errichtet 1805 von Carl Caspar von Siebold

Carl Caspar von Siebold



Jürgen.D. Meyer
Heimat- und Geschichtsverein
Nideggen e.V.


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