Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V. von 1988





Nideggen-Abenden-Gestern

Heute erzähle ich aus der Zeit kurz nach der Währungsreform vor dem Hintergrund der Zerstörungen und des Mangels an allem. Frei nach einer Erzählung von Chr. Wollseifen „Verfluchter Krieg“ 2002. Dort wird folgende dennoch lustige Geschichte nach einer wahren Begebenheit überliefert.

Die Dorfjugend verdiente sich mit dem Sammeln und Verkauf von herumliegendem Kriegsmaterial gutes Geld. Insbesondere ging es um in Unmengen vorhandener Patronen. Man sammelte um den Roßberg in Koffern und Rucksäcken und transportierte sie zu einem Altmetallhändler. Für eine Gewehrpatrone gab es einen Pfennig; das war damals viel Geld. Das Empfangskomitee bei der Firma begrüßte sie und bat sie ins Haus. Die eigentliche Begrüßung erfolgte aber durch ein Schwein, welches unter der Treppe in der Küche untergebracht war, mit lautem Quieken. Über der Sau waren die Hühner stationiert, sie flatterten durch die ganze Wohnung.

Foto: H.-J. Gross

Die Krönung des ganzen war der Hahn, ein freches Biest. Er begrüßte jeden mit einem fröhlichen Kikeriki. Besagter Hahn konnte den Hausherren nicht leiden; sie lagen im ewigen Clinch. Auch das wirkte sich auf die Besucher aus. Er flog einen sofort an und biss und flatterte, dass einem Hören und Sehen verging. Das wieder war dem Hausherrn zuviel. Er hantierte mit der Lötlampe und hielt diese in Richtung Hahn. Dies wiederum passte dem Hahn nicht, welches er mit lautem Geschrei und Gezeter kundtat. Dies wiederum passte Madame nicht. Sie kam aus dem besten Zimmer und gab ihre eigene Meinung lautstark kund. Die Sau quiekte, die Hühner gackerten, er war wütend und sie schrie dazwischen. Aber der Kauf der Gewehrmunition nahm seinen Lauf. Es wurde anfangs gezählt, später gewogen. Die Episode mit dem Empfang war schon sehr lustig. Nun muss noch erzählt werden, was der Hausherr mit der Lötlampe machte. Er drehte die Patronenspitzen im Schraubstock ab; das Pulver zündete er draußen an. Die Spitze kam in einen Tiegel und da hinein hielt er die Lötlampe, um das Blei auszulösen.

Die Jungen waren dabei, als er die Lampe in den Tiegel hielt; er hatte aber übersehen, dass auch gefährliche Spitzen dabei waren: Explosivgeschosse und Leuchtspur. Diese machten sich bei der Hitze durch die Lötlampe selbständig und knallten und zischten laut. Das aber passte dem Schwein, den Hennen, vor allem aber dem Hahn nicht. Er stieg hoch vom Kronleuchter in der Küche, drehte dort eine Ehrenrunde, flog weiter und ging über in den Sturzflug. Dann durchflog er das beste Zimmer im Tiefflug, hackte dem Spitz, der unters Sofa verschwinden wollte, ein Büschel Haare aus dem Schwanz, zog wieder hoch und notlandete in voller Wut auf dem blanken Kopf des Hausherrn. Diese Attacke des Hahns überstand der Hausherr nicht ohne Blutvergießen; seine Glatze blutete aus Kratzern und Schnabelhieben. Voller Wut drohte er dem Hahn an, dass er ihn, sobald er ihn bekomme, den Kopf abschlage und ihn in den Kochtopf stecken würde. Die hinterhältige Tirade kann kein Hahn, der etwas auf sich hält, auf sich sitzen lassen. Er flog schwer beleidigt von seinem Hilfslandeplatz Kronleuchter im Sinkflug zur Haustür hinaus, wo seine Hennen ihn liebevoll aufnahmen. Um allen Kummer zu vergessen, scharrte er zwischen Auto- und Flugzeugmotoren nach Würmern, die er – ganz Kavalier – mit seinen Hennen teilte. Und wenn er nicht im Kochtopf gelandet ist, so lebte er auch noch lange.

Margot Klinke
Heimat- und Geschichtsverein
Nideggen e.V.



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