Als die Römer frech geworden ...
Im Gebiet des 2000 Jahre alten Winterlagers Atuatuca bei Berg vor Nideggen arbeitet die Rodehexe





Berg vor Nideggen (Kreis Düren). Der Winter 54 auf 53 vor Christus kam so jäh und so hart über das Land zwischen Rhein und Maas, daß der römische Feldherr Julius Cäsar seine Legionen ins Ruhequartier schickte. Er selbst begab sich nach Gallien in sein Hauptquartier, der heutigen Stadt Amiens. Eins dieser Ruhequartiere, das Lager Atuatuca, befand sich an der Heerstraße, die fast schnurgerade von der Mittelmosel durch die ganze Eifel bis in die Gegend von Venlo führte, eine direkte und hochwichtige strategische Verbindungsader zwischen Mosel und Maas. In diesem Winterquartier Atuatuca auf dem Gebiet der Eburonen lagen etwa zwei Legionen. Es war sehr geschickt auf einer Hochfläche errichtet, westlich davon zog sich das tiefeingeschnittene Tal der Rur durch die starkbewaldete Landschaft. Die Eburonen waren zwar besiegt worden, aber der Haß gegen die römischen Unterdrücker glimmte immer noch unter scheinbarem Frieden. Bis eines Tages, im Winter, die Eburonen-Krieger unter Führung des Häuptlings Ambiorix das Römerlager droben auf der Höhe überfielen. Nur wenige Legionäre entkamen ...

Schüler von Berg buddelten schon 1938

Von der damaligen Heerstraße ist nichts mehr zu sehen, das heißt, es läuft streckenweise ein Feldweg auf ihrer Spur. Wie viele andere Römerstraßen, hatte diese Verbindungsader noch im Mittelalter große Bedeutung als Handelsstraße. Man bezeichnete sie damals auch als „Eisenstraße“. Sei führte ja durch das Gebiet der alten Eisengewinnung bei Kall, wo bekanntlich schon die Römer nach Eisen gruben und auch ihre Schmelzen errichtet hatten, primitive Rostöfen, die nach dem gleichen Prinzip arbeiteten wie die heutigen Hochöfen.


Was ist's? Fundamente eines Matronentempels, eines Wacht- oder Signalturmes? Die Ausgrabungen an dieser Stelle werden Klarheit schaffen. Foto: Ettighoffer

Natürlich war auch im Mittelalter die Eisengewinnung an dieser Stelle recht bedeutend. Dort wo diese „Eisenstraße“, heute noch als Feldweg erkenntlich, am Badewald zur Höhe hinanstrebt, bevor sie sich zur Rur hinabsenkt, ärgert sich der Landwirt seit Jahrzehnten über die unglaublichen Mengen römischer Ziegel, die der Tiefpflug immer wieder aus dem Boden holt. Heute noch sind die Felder stellenweise geradezu mit römischen Falzziegelbrocken übersät. Auch Tonscherben liegen überall herum. Der Lehrer von Berg vor Nideggen hat 1938 seine Schüler zum Buddeln angesetzt. Die Jungen legten ein größeres Mauerwerk am Waldrand frei, aber die Grabungen wurden dann nicht mehr fortgesetzt.

Ein Heimatforscher mahnt

Im Dorf Blens drunten im Rurtal wohnt der achtzigjährige Pastor Pohl, der hier, auf der Kuppe am Badewald seit mehr als 20 Jahren die vom Pflug zutage geförderten Ziegelsteine und Scherben untersucht. Der alte, immer noch recht rüstige Herr ist ausgezeichneter Kenner der Schriften des römischen Feldherrn Julius Cäsar. Er ist der Ansicht, daß dort droben auf der Höhe und sonst nirgendwo das römische Kastell Atuatuca gestanden haben muß, ein Winterlager, das zweimal von den Truppen des Julius Cäsar benutzt worden sei. Pastor Pohl hat droben eine Cäsar-Münze gefunden.

Und die Eburonenschlacht? Nicht droben auf dem Berg habe sie stattgefunden, sondern drunten im Rurtal bei Blens und Abenden. Knochenfunde? Nein, damit könne man nicht mehr rechnen, denn die Leichen der Erschlagenen wurden die Beute der Wölfe und Bären. Pastor Pohl besitzt einen römischen Ziegelstein, auf dem die Tatze eines Bären eingeprägt ist, ein Zeichen, daß dieses Tier beim Herumstrolchen über einen noch frischen Ziegel lief.

Rodehexe auf dem Trümmerfeld

In jener Gegend, in einer Gemarkung des Badewaldes bei Berg vor Nideggen, tobt seit einigen Wochen eine gewaltige Rodemaschine. Ein Stück Oedland, mit Stangenholz und Gestrüpp bewachsen, soll Ackerland werden, denn in dieser Gegend gedeiht im besonderen eine vorzügliche Braugerste. Als nun die Rodehexe in das Wurzelwerk griff, rieselte es nur so von römischen Scherben. Und vor einigen Tagen stieß der Greifer aus Stahl gegen schwere Sandsteinplatten, die roh behauen sind und wahrscheinlich die Reist eines bedeutenden Bauwerkes darstellen. Das Bonner Landesmuseum ist bereits benachrichtigt; man wird diese Mauerbrocken genau untersuchen, diese Stelle jedenfalls mit aller Sorgfalt freilegen. Es ist genau der Scheitelpunkt der Höhe, und dieses Mauerwerk liegt im Zuge der alten Römerstraße, die an dieser Stelle aber nicht mehr zu erkennen ist.

Die ursprüngliche Annahme, es handele sich um ein Grabmal, teilt Pastor Pohl keineswegs. Nach seiner Ansicht handelt es sich hier um einen Matronentempel. Der Matronenkult war bei den Kelten, einem hochkultivierten Volk, sehr verbreitet. Von ihnen übernahmen ihn die Germanen und auch die Römer.

Rechts und links der Römerstraße erkennt man heute noch zahlreiche tiefe Gruben. Hat man hier nach Eisenstein gegraben? Oder waren es sonstige Mutungsgruben aus dem Mittelalter? Man rätsel um ihre Entstehung, denn es sind keine Naturgruben, sondern künstliche Anlagen. Pastor Pohl bezeichnet sie als Wohngruben oder Stallgruben aus der beginnenden Völkerwanderung der Cimbern und Teutonen. Demnach wären diese Gruben älter als das Römerlager Atuatuca, das sie Rodehexe jetzt freilegt. Es ist bekannt, daß die Cimbern und Teutonen um das Jahr 101 v. Chr. durch Marius Cunctator, den Großonkel des Julius Cäsar, in Norditalien geschlagen wurden. Auf ihrer Wanderung zum Süden hin, müssen sie sich längere Zeit in der Eifel aufgehalten und diese Gruben als Ställe für ihr zahlreiches Weidevieh angelegt haben, wahrscheinlich auch als Aufenthalt für die Sippen, die sich vor den eisigen Eifelwintern schützen mußten. Diese Gruben sind heute in ihrer Gestalt noch gut erkennbar, kreisrunde Löcher. Sie liegen ziemlich dicht beisammen. Es soll in der Gegend dort etwa 120 solcher Gruben geben.

Nun wird man sehr bald Aufschlüsse über das römische Winterlager in der Eifel bekommen, denn die Arbeiten von Fachgelehrten, deren Augen nichts entgeht, was zur Erweiterung der Geschichte unserer an alten Erinnerungen so reichen Heimat beitragen kann.

P.C.E.





Quelle: [...] 13.5.1954
Sammlung Michael Peter Greven, Nideggen, Sammlung wingarden.de, H. Klein
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