Heinrich Fischer
In und um die sieben Berge
Archiviert von Marlene Ganser, S. 1-14





Vorwort

Wenn ich als Überschrift für meine nachfolgende Niederschrift obige Bezeichnung wählte, so hat das nichts mit Romantik oder Märchen gemeinsames, sondern es ist eine Bezeichnung von Gegebenheiten mit mythischen, mystischen und natürlichem Rankenwerk, das den Leser zu weiteren gedanklichen und auch kritischen Überlegungen anregen soll. Was ich in nachfolgendem niedergeschrieben habe, soll nicht wie eine knorrige Eiche den Winden und Stürmen, die gegen sie anstürmen widerstehen, sondern soll ein fruchtbringender Baum sein, der seine Früchte darbietet und aus den Kernen soll Neues - Fruchtbringendes ersprießen und entstehen.

Es ist wohl nicht uninteressant für den Leser zu wissen, wieso ich als Landwirt dazu komme und über ein Thema schreibe, das von meinem Beruf scheinbar so abseits liegt.

Meine Familie ist Jahrhunderte lang zuerst in Abenden und dann in Berg vor Nideggen ansässig. Im Staatsarchiv in Düsseldorf ist vom Jahre 1566 in den Huldigungslisten beim Regierungswechsel unter Abenden ein Johann Fischer und Anton Fischer bezüglich der Fischerei-Rechte in der Rur eingetragen.

Vermutlich waren die Rechtsame seit altersher in der Familie. Der Anton Fischer heiratete nach Berg vor Nideggen und dessen Nachkommen waren die Miterben der alten Grachten-Güter. Selbst wohnten sie in dem Alten „Grachtgut“ auf der Gracht. Es ist also nicht verwunderlich, wenn durch die uralte Verwurzelung in Heimischen eine gewisse traditionelle Überlieferung von Generation zu Generation weitergetragen wurde.

Das Schicksal hat es mir gestattet, daß ich schon in frühester Jugend solchen Erzählungen zuhören konnte und dadurch mein Augenmerk auf Sachen hingelenkt wurden, an denen andere achtlos vorübergingen. Die Künder der alten Sagen waren mein Großvater Heinrich Fischer und meine beiden Vettern Johann und Theodor Cornely, alle in den Jahren von 1813 - 1870 geboren. Das Hauptthema war die sagenhafte Stadt „Badua“ und ihr Untergang.

Ein Bruder meines Großvaters, der ehemalige Pfarrer Josef Fischer in Ouren, brachte, wenn er zugegen war das Gespräch auf seine Forschungen bezüglich des Winterlagers von Julius Caesar in Aduatuca. Bei seinem langjährigen Aufenthalt in England, Irland und Frankreich hat er die Feststellungen Napoleons III., des damaligen Kaisers von Frankreich, über den Verlauf des von Caesar geschilderten Gallischen Krieges beachtet und kam bei seinen Erwägungen zu dem Ergebnis, daß das zu suchende Winterlager, das nicht auf französisch - belgischem Boden gelegen war, sondern, wie aus den Kriegsschilderungen hervorgeht in der Nähe des Rheines lag, nur in seiner engsten Heimat bei Berg vor Nideggen gelegen sein konnte. Er sah in den Stammsilben der Wörter (B)adua und (Ne)teca (frühmittelalterliche Bezeichnung für Nideggen) eine Abwandlung für Aduatuca. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat er mit dem damaligen Leiter des Landesmuseums Verhandlungen gepflogen wegen diesbezüglicher Ausgrabungen an von ihm vorgesehenen Stellen.

Diese Angelegenheiten habe ich seinerzeit Herrn Pfarrer Pohl in Blens vorgetragen und er hat diese Idee durch außerordentlich fleißiges und gründliches Studium der einschlägigen Fachliteratur, sowie mit mir gemeinsam an Ort und Stelle durch Prüfung der Örtlichkeiten, als verwertbar angesehen. Seine hierbei gewonnene Ansicht hat er in Artikeln und Kontroversen verfochten und wird das Thema Aduatuca bis zur endgültigen Festlegung nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden.

Einleitung

In den nachfolgenden Ausführungen schildere ich in allermöglichster Kürze, meine Feststellungen über Vorgänge der Vergangenheit, wovon einige noch in Volkssagen widerspiegeln, aber dem Gedächtnis entschwunden und nirgendwo aufgezeichnet oder niedergeschrieben sind. Meine Feststellungen, in ihrer vielfältigen Wiederholung, haben mich zum Nachdenken gebracht.

In Bezug auf die Aufzeichnungen Aschenbroichs, des Chronisten von Nideggen, gehen die äußersten geschichtlichen Daten bis auf Caesarius von Heisterbach und die Regierungszeit Wilhelm II. von Jülich bis ins 11. und 12. Jahrhundert zurück. Was vor dieser Zeit in dieser Gegend war ist geschichtlich unbekannt.

Caesarius von Heisterbach kennzeichnet die Gegend um Maubach, wozu bis Heimbach auch die hiesige Gegend gehört, als eine abschreckende Wildnis. Weder Ortschaften noch Adelige werden dort genannt. Sonderbar ist, daß er die Wildnis dieser Gegend hervorhebt. Sicher ist, daß Wildnisse vielleicht schlimmerer Art, im Eifelland andern Orts vorhanden waren. Es müssen andere Gründe bestimmend gewesen sein, die ihn veranlaßten diese Gegend als abschreckend hervorzuheben, grenzte sie doch an schon zu damaliger Zeit kultivierte Landschaften. Bis zum Ende des vierten Jahrhunderts war das ganze Gebiet noch reich bevölkert und dicht besiedelt. In den nachfolgenden Jahrhunderten muß sich etwas zugetragen, was die Gegend für christliche Bewohner siedlungsfeindlich und abschreckend gemacht hat. Noch vor einigen Jahrzehnten, galt der Badewald bei den Bewohnern der umliegenden Ortschaften als verrufen und unheimlich.

1.

Im Jahre 1207 starb Graf Wilhelm von Jülich auf seiner Burg Nideggen. Das ist wohl die erste Erwähnung Nideggens in der Geschichte. Wer die Burg angelegt und errichtet hat ist in tiefes Dunkel gehüllt.

Bestand vor dieser Zeit die Burg, und hatte sie damals schon eine Vergangenheit? Ich muß die Frage bejahen. Wer an der Süd- und Südwestseite die äußerste Umwallung der Burg betrachtet, findet auffällige Merkmale. Das Mauerwerk des äußeren Berings ist zu einer anderen Zeit errichtet worden, als der eigentliche Burgbau. Ein Teil des Berings ist als Trockenmauerwerk ohne Mörtel aufgeführt. Unterhalb, am Südhang der Burg sind zwei Felshöhlen, die von Menschenhand zu Wohnzwecken erweitert wurden. Sie gehören wohl vorgeschichtlicher Zeit an. Eine dritte Höhle ist vermauert und der Felsen ist in den Verteidigungsbereich der Burg einbezogen worden. Am Fuße dieses Felsens ist auf der anderen gegenüberliegenden Seite gleichfalls eine höhlenähnliche Öffnung in ungefähr vier Meter Höhe über dem vorbeiführenden Pfad, das sogenannte Teufelsloch. Auf der anderen Seite des Pfades befindet sich der Teufelstritt. Das sind zwei künstliche Vertiefungen auf einer Felsenplatte. Unter dieser Felsenplatte sprudelt eine Quelle aus dem Gestein in ein natürliches Becken. Die Sage spricht von einem frommen Mönch, der aus der Felsenhöhle dem Volk das Evangelium verkündet und dort getauft habe. Bei einer längeren Abwesenheit des Predigers habe der Teufel die Gestalt des Mönchen angenommen und den alten Glauben wiederverkündet.

Bei einer solchen Predigt sei der Mönch unerwartet wiedergekommen und unter Vorhaltung des Kreuzes den Teufel vertrieben. Dieser sei von der Kanzel herabgestürzt und habe auf der unterhalb liegenden Felsplatte seine Spur, in Form von zwei Pferdefüßen eingebrannt, hinterlassen. (Willibrordus in hiesiger Gegend)

Nun zur Burg selbst. Mich interessiert in diesem Zusammenhang insbesondere der Bergfried. Er hat beim Volk den Namen „Jensterturm“. „Jen“ bedeutet landläufig gegenüber auf der anderen Seite. Es muß also diesseits ebenfalls ein Bauwerk stehen oder gestanden haben. Davon gibt die Sage Kunde. In alten Zeiten waren zwei Brüder, die gemeinsam auf einer Burg lebten. Sie bekamen Streit und der eine zog fort und ließ sich gegenüber auf der Stelle, wo jetzt die Burg Nideggen steht nieder. Von hier aus bekriegte er seinen Bruder, er besiegte ihn, zerstörte seine Burg und mit den Steinen, die er herüber schaffte, baute er den Bergfried auf. Nach Aschenbroich befand sich die Burg des anderen auf der anderen Seite der Rur auf dem Burgberg bei Bergstein. Ob dort ein größeres Bauwerk gestanden hat wird vielerseits bezweifelt. Jedenfalls, wo ein größeres Bauwerk zerstört wird, bleiben Trümmer und Schutthaufen sichtbar übrig, die dort gänzlich fehlen.

Könnte irgendwo anders die Burg gestanden haben?

2.

Das gleiche Steinmaterial, woraus das Fundament des Bergfrieds in Nideggen hergestellt ist, befindet sich im Badewald auf der Weiheshäld (genannt Rödelsberg). Hier liegen zerstreut unzählige Quadersteine und an einer Stelle ein haushoher Haufen gleichartiger Steine. Die Stelle wo diese Steine zu finden sind, ist eine beherrschende Höhe, die die ganze Gegend überragt. Hier sind heute noch Wälle und Gräben in gewaltigem Umfang zu sehen. Der Rödelsberg ist von der offenen Seite, d. h. von Süden, Osten und Norden umwallt. Der Westen ist von Natur aus durch steile Felsen und Abgründe geschützt. Der nord- und nordöstlicher Teil der Umwallung ist durch ausgehobene und aufgeworfene Erde gebildet. Es sind an der schwächsten Stelle zwei Wall- und Grabensysteme hintereinander ausgeführt. Der Zwischenraum ist von nebeneinander laufenden Spitzwällen und Gräben ausgeführt. Sie verbinden den vorderen Wall mit dem hinterer Wall und zwar so, daß sie von vorne schräg nach links auf den hinteren Wall zulaufen. Wer den Zwischenraum überqueren wollte mußte als Angreifer die offene, vom Schild ungedeckte Seite dem Verteidiger zuwenden. Umgekehrt, wenn der Verteidiger sich hinter dem zweiten Wall zurückziehen mußte, konnte er sich gegen den Angreifer decken.

Der ost-südliche Teil der Anlage schließt an die Erdwallung an und ist bis zur Ecke, wo die Anlage in die andere Richtung nach Westen zu einbiegt ein Erd- Steindamm mit vorgelagertem Graben gewesen. Die Südweite war Trockenmauerwerk, wovon noch Reste vorhanden sind. Es sind Spuren einer vorgelagerten Parallelmauer, also Doppelmauer, zu sehen. Diese Mauern endeten in einer großen Anlage, die aus Steinen errichtet war, wovon noch ein gewaltiger Haufen an Ort und Stelle liegt. Hier ist wahrscheinlich der Rest der Steine zu sehen, wovon die sagenhafte Anlage des feindlichen Bruders in Nideggen errichtet wurde. Die Heranschaffung der Steine von der Bade nach Nideggen war transportmäßig gesehen kein Problem, weil keine großen Höhenunterschiede zu überwinden sind.

Ergänzungsplan Heimat und Geschichtsverein Nideggen. Quelle: Nachlaß E.Schumacher/A.Pohl, Sammlung Marliese Wintz, Kreuzau, Sammlung wingarden.de, H. Klein; weiter zur Information: Dokument aus der Korrespondenz von Pfarrer Pohl, siehe auch Euskirchener Volksblatt Nr. 139 vom 19.6.1937 - Das Aduatuca der Eburonen. Weiteres Anschauungsmaterial bei Editionssplitter 4 - Karten Pfarrer Pohl

An der oben erwähnten Einbiegungsecke, d. h. am Beginn der Südflanke der Umwallung, ist ein deutlich erkennbarer Einschnitt als Zugang in Form eines Zwingers zum Inneren der großen Wallanlage zu erkennen. Von diesem Zugang führt ein alter Pfad an der Außenseite der Südflanke entlang, hinab in eine Bergschlucht, die westlich des Rödelsberges verläuft.

Der Pfad heißt Lüppepfad und endet in einem runden Talkessel auf einem kleinen Plateau. Der amphiteatherische Kessel heißt Lüppekaul. Der Eingang zu dieser Kaul ist links und rechts von hohen Felsen flankiert. In unmittelbarer Nähe neben dem eben erwähnten Plateau befindet sich eine gewaltige Felsenhöhle, ähnlich wie unterhalb des Burgfelsens in Nideggen. Wo der Lüppepfad vom Rödelsberg her in die Schlucht einmündet, zweigt ein zweiter Pfad ab, der über einem schmalen Berggrad an einen Felsen heranführt, der in Richtung des Berggrades den Bergrücken zum Rurtal hin beendet. Die Flanken des Felsens sind beiderseits bis in den Boden hinein künstlich geglättet und halbbogenförmig sind die Stirnseiten hinter der Glättung ausgearbeitet. Nördlich dieses Bergrückens liegt in Schleuderwurfweite die Lüppenkaul und südlich in der Bergflanke am Absturz zum Rurtal stehen die bemerkenswerten Felsensäulen, im Volksmund Adam und Eva genannt.

Nach meinem dafürhalten waren die Örtlichkeiten, die Burg Nideggen und der Rödelsberg befestigte Anlagen, die gemeinsam einem bestimmten Zweck gedient haben.

Welches war nun der Zweck der zur Errichtung der gewaltigen Anlagen geführt hat? Der Gegenstand des Zweckes müßte zwischen beiden Anlagen zu suchen sein. Kann man heute noch darauf hinweisende Feststellungen wahrnehmen. Um dazu den Weg zu finden, muß ich kurz eine Beschreibung der Landschaft zwischen den beiden Festen folgen lassen. Wenn man vom Rödelsberg nach Nideggen wandert, befindet man sich auf einem uralten Fernweg, der heutigen Triererstraße. Wer sie zu jener Zeit benutzte und unser Gebiet durchqueren wollte, war von hüben und drüben wohl bewacht. Die Straße befindet sich als Höhenweg auf dem höchsten Punkt des Geländes, östlich des Weges fällt er in sanfter Neigung allmählich ab. Dagegen auf Westen zu überschaut man, wenn man auf dem höchsten Punkt, am sogenannten Clemensstock halt macht, ein zerklüftetes Gelände, das sich in fünf, nach dem Rurtal zu langgezogenen Bergrücken zergliedert. Die Bergrücken werden beiderseitig von tief eingeschnittenen, kilometerlangen Schluchten begleitet, die alle im Abender Talkessel konzentrisch einmünden, mit Ausnahme der südlichsten und nördlichsten Talschuchten die an die beiden oben befestigten Flankenberge angrenzen.

3.

Wenn man nun von dem oben erwähnten Standpunkt aus, am Clemensstock, nach Westen abbiegend weitergeht, befindet man sich auf dem Mittelberg, genannt „Mellberg“ oder „Meddelberg“. An seinem Ende steht man plötzlich vor einem tiefen Einschnitt, der quer über den schmalen Rücken des Berges angelegt wurde. Hinter dem Einschnitt befindet sich eine vorgeschichtliche eindrucksvolle Ringwallanlage. Gemessen an den Anlagen auf dem Rödelsberg ist sie klein. Sie konnte keiner groß gemessenen Aufgabe dienen.

Sie genügte als befestigter Wachtpunkt. Von hier überblickt man den ganzen Talkessel und die Zugangswege links und rechts, die aus den Schluchten ins Tal einmünden. Die Bezeichnung Mittelberg kommt nicht von ungefähr. Dieser Bergrücken ist der mittelste von den oben angeführten fünf und wenn ich den Rödelsberg und Nideggen dazuzähle, weil sie ja dazu gehören, dann sind die sieben Berge in einem System vereinigt!

4.

Der südlich parallel zum Mittelberg sich hinziehende Bergrücken wird am Heinzchen genannt und endet wieder in einem schmalen Grat an der sogenannten Raffelsley. Wo der Grat beginnt, liegt ein Steinbrocken mit eigenartigen von Menschenhand eingemeißelten Rillen und Näpfchen. Er ist vor kurzem von irgend jemand beschädigt worden.

5.

Weiter südlich ist der dritte Bergrücken, genannt am vorderen und hinteren Hostert. Dieser Bergrücken reicht durch das Rurtal hindurch und umklammert das Tal von Abenden auf der Südseite. Für die Rur, die hier ins Abendener Gebiet einströmt, bleibt nur soviel Raum, wie das Wasser sich selbst geschaffen hat. Auf der westlichen Seite der Rur, steigt der Berghang des Odenbeuel steil auf und grenzt hier das Tal ab. Auf den äußersten Rand des Bergrückens der vom Hostert herkommt befindet sich der alte Adelssitz, Gut Lüppenau. Hier begegnet uns die Bezeichnung Lüppe zum drittenmal. Im Verlauf der beiden Hostert sind Wälle und Gräben, wohl weniger zu Befestigungszwecken, es mögen Abschnittswälle und Gräben gewesen sein. An der Südseite der hintern Hostert sind gewaltige Felswände mit großen und tiefen Spalten, die Breydelsley, die in der Volkssage genannt wird. Vor Zeiten lebte in Blens ein Ehepaar, die Frau hatte die eheliche Treue gebrochen und wurde deshalb nach Sitte und Brauch hingerichtet. Sie wurde auf den Felsen gebracht, in einen Sack eingenäht und in den Abgrund gestoßen. Interessant ist diese Sage auch noch deshalb, weil der Name Breydel hier, wie an zwei anderen Stellen in unserem Gebiet, zusammen mit Hinrichtungsstellen und Galgenhügel genannt wird. In der Nähe dieses Felsens steht gleichfalls auf der Südseite des Hostert ein Felskegel, genannt die Jufferley. Auf diesem Felsen steht, das Tal beherrschend, ein Kreuz. Ich muß hier vorausschicken, im Rurtal sind außerdem noch zwei Felsen mit Kreuzen bestellt. Unser oben erwähntes Kreuz wurde zuletzt vor etwa 60 Jahren, anläßlich der Primiz eines Sohnes des Rurtales erneuert. Vordem stand daselbst schon ein Kreuz. Kein Mensch kann sagen wann und aus welchem Grund sie errichtet worden sind. Eines steht fest, die Kreuze gehören zur Landschaft und sind immer im Bedarfsfall von der Bevölkerung spontan erneuert worden. Es ist mir nicht bekannt oder von alten Leuten bestätigt worden, daß sie von kirchlichen oder frommen Handlungen ihren Ursprung herleiten.

Jetzt kehren wir zurück am Clemensstock vorbei und begeben uns zum nördlichen vom Mittelberg gelegenen „Weißen-Stein“. Dieser Name deutet ja schon auf ein Altes, kultisches hin. Der nun zu beschreibende Bergrücken ist der eindrucksvollste. Am Anfang, wo der Bergrücken sich zum Grat verengt, liegt auf dem höchsten Punkt, unmittelbar neben dem jetzigen trigonometrischen Punkt, eine ungefähr 3 Meter lange und 1 Meter breite Felsplatte, worauf vom Westen nach Osten geortet über die ganze Länge der Platte zwei tief eingemeißelte Rillen sich befinden, die durch Näpfchen unterbrochen und durch Querrillen verbunden sind. Die nördliche Längsrille wird in der Mitte von einem Runenzeichen in Form von zwei untereinanderstehenden gegenständigen Halbkreisen durchzogen. (Astronomisches Zeichen) Die beiden Längsrillen haben im Westen ihren Ausgangspunkt aus zwei tiefen großen Näpfchen.

Unterhalb dieser Platte weiter nach Westen befindet sich ein Felsbrocken, der auf seiner Oberseite an einer Stelle geplättet ist. In dieser Plättung ist ein neunfeldriges Quadrat eingemeißelt. Am Ende des Berggrates liegt aus dem Steilhang herausgehend ein mächtiger Felsblock, der im Volksmund, „der Doof“ genannt wird. Mit doof bezeichnet man landläufig ein Wesen, das taub oder zumindest geistesabwesend ist. Der Felsen führt diesen Namen zurecht. Vom Talgrund aus gesehen, besonders wenn die Sonne im Westen steht, zeigt der Felsen die Silhouette eines schlafenden Mannes. Dieses Bild beeindruckt das ganze Abendener Tal. Südlich in Steinwurfweite von diesem Felsen ragt aus dem Steilhang eine mächtige Felsensäule aufrecht gegen den Himmel mit einem von den vorher erwähnten Kreuzen auf seinem Scheitel. Dieser Felsen wird die Katze oder Eule genannt. Auf der Nordseite unter dem Scheitel sind zwei kreisrunde, nebeneinanderstehende tiefe Löcher eingelassen. Vom Tale aus gesehen kann man den Felskopf ohne viel Phantasie mit einem Totenschädel vergleichen, was er wohl auch ursprünglich darstellen sollte. Bei dem Vergleich muß man die vieltausendjährige Verwitterung des Felsens berücksichtigen. Unmittelbar nördlich von diesem Felsen ist ein kleiner Felskegel auf dessen Kopf, wohl sehr verwittert, Näpfe und Rillen noch zu erkennen sind. In der Südflanke des Berges ist, zwischen Felsen eingebettet, ein Felsenhof mit mehreren Höhlen. In einer Höhle ist ein armlang tiefes rundes Loch in die Felswand gestoßen. In der Nordflanke des Berges befindet sich in halber Höhe des Hanges eine in den Felsen gehauene gerundete dreistufige Empore.

7.

Der zweite Berg nördlich des Mittelberges ist der Kühlenbusch. Dieser Berg bildet den nördlichen Riegel des Abender Talkessels. Die Rur umfließt den westlichen Steilhang unmittelbar und von der anderen Flußseite zwängt ein Ausläufer des Roßberges die Rur an den Steilhang des Kühlenbusches heran. In der Südflanke dieses Berges befindet sich genau gegenüber der Felsen am Weißenstein ein kreiselförmiger Felsen, der mit seiner Spitze in dem Steilhang des Berges steht. Unterhalb des Felsenkopfes befindet sich rund um den Felsen eine geglättete Plattform, die auf der Oberseite mit Runenzeichen beschriftet ist. Ein Teil der Plattform ist vor einigen Jahrzehnten abgebrochen.

Ich habe diese Bruchstücke 1938 mit Zeichen darauf vorgefunden, leider waren sie nach dem Kriege nicht mehr auffindbar.

Mit vorstehendem habe ich eine Beschreibung der Beobachtungen gegeben, die die fünf Berge zwischen den beiden flankierenden bewehrten Burgbergen kennzeichnen. Diese Kennzeichen sind an von der Natur geschaffenen Felsen von Menschenhand angebracht. Was Menschen in der grauen Vorzeit veranlaßt hat, gerade hier, am Nordostrand der Eifel sich derart zu betätigen, kann nur logisch gefolgert werden. Wer die Urfrage der Menschheitsgeschichte überdenke, über das „Woher, Wohin, zu was“, der muß zu bestimmten Schlußfolgerungen kommen, der Art, daß die Natur den damaligen Menschen hier einen Raum geschaffen hat, in welchem das Gebilde der Landschaft und die grotesken Felsformen, sogar Gestalten sich darboten als Kultbilder für die geheimnisvollen Vorgänge im Leben, im Naturgeschehen und Zeitenablauf mit ihren fortwährenden Wiederholungen und den guten und bösen Abwicklungen.

Wie bietet sich die Landschaft den eben erwähnten Zwecken dar. Die fünf inneren Berge umschließen den Abendener Talkessel in der Form, daß die äußeren Berge das Tal durchstoßen und nach Norden und Süden abriegeln. Der Mittelberg weist genau zur Mitte des Talkessels hin und läßt, weil alle fünf Berge konzentrisch gelagert sind, nicht soviel Platz übrig, daß seine Kameraden beiderseitig, gleichfalls bis an den Rand des Talkessels heranreichen. Die Wehranlage auf der äußersten Nase des Mittelberges beherrscht das ganze Tal, nebst den Zugängen aus den Seitentälern. Die Anlage ist verhältnismäßig klein und konnte also keinen großen Aufgaben dienen und nur Vorgänge oder Anlagen drunten im Tal bewachen und überwachen.

Die Westseite des Abender Talkessels wird durch einen Höhenzug mit Steilhang zum Tal gebildet. Dieser Höhenzug wird in der Mitte des Talkessels durch eine steile unpassierbare Schlucht geteilt. Der Teil südlich der Schlucht heißt der Odenbleuel und der nördliche wird Roßberg genannt. Im Roßberg selbst eingebettet zeiht ein langgezogenes Wiesental bergan. Von diesem Tal berichtet der Volksmund, daß zu bestimmten Zeiten der wilde Jäger mit seinem Gefolge dort sein Unwesen treibe. Ein Bächlein, der sogenannte Roßbach durchfließt das Tal.

In dem Steilhang des Roßberges, neben der Schlucht zum Odenbleuel ist, entgegen allen wirtschaftlichen Erwägungen, ein Weg, die sogenannte Contzerstraße, hineingearbeitet, der zum Teil den Schieferfelsen des Abhanges künstlich durchschneidet und führt zum Hochplateau der Eifel zum hohen Venn. Dieser Weg muß einem höheren Zweck, als nur wirtschaftlichen Aufgaben, gedient haben. Der eigentliche Wirtschaftsweg von der Eifelhöhe führte südlich des Odenbleuels durch das Odenbachtal an der Ortschaft Hausen vorbei durch ein weitläufiges Tal zur Höhe nach Zülpich weiter. Verkehrsmäßig gesehen, war es ein Unding die Contzerstraße mit unendlicher Mühe zu bauen, um das wirtschaftlich unbedeutende Tal von Abenden nach Westen hin aufzuschließen. Parallel zur Contzerstraße in unmittelbarer Nähe verläuft ein zweiter gleicherweise hergerichteter weg. Dieser wird der Elends- oder Hexenweg genannt und mündet auf dem sogenannten Blankert, bei einer Wallanlage.

Nach meinem dafürhalten beherbergte das Tal von Abenden ein der damaligen Bevölkerung wertvolles Objekt, wofür das Volk bereit war Mühe und Opfer auf sich zu nehmen und diese beiden Wege als Kultwege anzulegen.

Kehren wir zurück in die sieben Berge. Aus den vorausgehenden Ausführungen ist zu ersehen, daß die fünf inneren Berge ein geschlossenes System darstellen. Die zwei flankierenden bewehrten äußeren haben als Schutzanlagen gedient. Anschließend an beide Berge, den Rödelsberg und den Burgberg von Nideggen zogen sich nach Osten hin kilometer lange Höhenzüge zur Ebene in Richtung Rhein und umklammern der östlich des Höhenweges, der von dem Rödelsberg nach Nideggen führt, sich erstreckende nach Osten abfallende Plateau. Diese Höhenzüge nähern sich bei den Ortschaften Ginnik und Embken. Die Ostseite des Hochplateaus ist gegen die Außenwelt, das heißt die Ebene, durch Klüfte, Steinhänge und unpassierbare Schluchten abgeriegelt, und stellt ein Gegenstück zur westlichen Seite mit seinen sieben Bergen dar. Der südliche Höhenzug vom Rödelberg ausgehend, macht im Tal von Gödersheim, hier Effelsberg genannt einen Knick nach Norden und verläuft in dieser Richtung als Kranberg weiter. Im Talgrund des Knickes entspringt der Neffelbach, unweit der alten Burg Gödersheim und fließt durch die von Westen her auslaufenden Höhenzügen an dem Fuß des Kranberges gezwängt durch eine enge Schlucht, bis er in der Ortschaft Embken allmählich in das breitere Neffeltal einmündet. Die Einzwängung des Bachlaufes wird durch zwei langgezogene Bergrücken bedingt. Der südliche Badegad der Dirgad und der zweite nördliche ist der Kreuzberg. Beide sind beiderseitig von engen Schluchten eingefaßt. Ein dritter Bergrücken, der sogenannte Breydelsberg mit seinen zwei Galgenstätten, stößt weiter vor und läßt den Neffelbach nach Osten abbiegen. Beydelsberg und Kreuzberg sind durch eine enge, von Natur aus unpassierbare Schlucht getrennt.

Nun muß ich mich dem anderen Höhenzug zuwenden, der von Nideggen aus seinen Anfang hat. Er verläuft im Ganzen gesehen in eine Richtung und endet bei der Ortschaft Ginnik. Der Raum zwischen diesem Höhenzug und dem Breydel ist ein weitläufig gestaltetes, flaches Tal, das bequem passierbar ist. Im Westende dieses Tales liegt der Weiler Thuir. Dieser Name mag wohl ursprünglich Zugang oder Ausgang, als Tür, bedeutet haben, denn ein Ausläufer des Breydels schiebt hier einen Riegel in den westlichen Talausgang vor, der früher mit einer Wallanlage bewehrt war (Muscheling).

Hiermit wäre der Ring geschlossen, der das Plateau, östlich des Weges von Rödelsberg nach Nideggen umgibt.

Ist dieses Plateau für die Forschung so bedeutungsvoll, daß ich bei meiner Beschreibung einen so weiten Umweg mache, um von Osten her in dieses Gebiet zu gelangen? Was befindet sich in diesem Raum?

In der Jugendzeit hatte ich die Gelegenheit mit größtem Interesse, den Gesprächen dreier alten Patriarchen, wie eingangs erwähnt, zu lauschen, wenn sie von den alten Sagen sprachen. In ihren Erzählungen spielte die alte untergegangene Stadt „Badua“ die Hauptrolle. Als Zeugen ihrer ehemaligen Existenz nannten sie die überaus zahlreichen Kuhlen und Maaren, die den seinerzeitigen Bewohnern der Stadt als Unterkunfts- und Vorratsräume gedient hätten.

Ich habe mir diese Ansicht zu eigen gemacht und diese Erdlöcher daraufhin kritisch betrachtet. Hier meine Beobachtungen. Diese Anlagen sind von Menschenhand nach einem festliegenden System hergerichtet worden. Es bestehen wohl Abweichungen, bedingt durch das Gelände, die aber an dem Grundsätzlichen nichts ändern. Fast alle Gruben sind länglich rund. An der Westseite, von Südwest über Westen, Norden bis Nordost bilden sie eine hohe Wand und von Osten oder Süden, jenachdem, haben sie einer in das Gelände flach verlaufenden, ebenen Zugang. Durch das Gelände bedingt kann sich die Ortung etwas verschieben. Die Größe variiert von 100 bis ungefähr 2000 Quadratmeter. Die Tiefe ist ebenfalls verschieden. Die hohe Wand beträgt je nach Grube 3 bis 6 Meter. Dies bedeutet eine gewaltige Erdbewegung und einer enorm großen Arbeitsaufwand bei der Fortschaffung des Aushubs. Wo ist dieser Aushub abgelagert worden? Bei meinen Feststellungen bei der Betrachtung des Geländes in weiteren Umfang um die Grube ist der Aushub dazu benutzt worden, um damit die hohe Stirnwand künstlich zu erhöhen und allmählich im Gelände verlaufen zu lassen. Dadurch wurde Arbeit gespart und es ging kein Raum um die Gruben verloren. Es muß also die Umgebung der Gruben so wertvoll gewesen sein, daß man jeden Quadratmeter nutzbar erhalten wollte, das bedeutet zu Siedlungszwecken Raumgewinnung. Wenn der Aushub nach anderweitiger wirtschaftlicher Ausbeutung beseitigt worden wäre, dann hätte man ihn als weiterhin uninteressant betrachtet und als Halde liegen lassen. Bei den Gruben ist er jedoch derart nutzbringend verwendet, indem man die Schutzwand - Seite künstlich anhöhte und dadurch die erforderliche Grubentiefe leicht erreichte, ohne tief ins Erdreich eindringen zu müssen. Diese hier geschilderten Gruben dienten letztenendes Wohn- oder ähnlichen Zwecken. Dazwischen befinden sich Gruben, die kreisrund gleichwandig angelegt sind. Das müssen Gruben gewesen sein, die zu Überlagerung und Aufbewahrung von verderblichen Vorräten gedient haben, sie sind kleiner als die anderen. Eine dritte Art Gruben sind die Maare. Sie sind ähnlich den ersten Gruben angelegt, sie halten Wasser und zwar heute noch fast ganzjährig, obschon sie metertief mit vertorftem Holz, Blättern und Moosen angefüllt sind. Sie sind an Stellen angelegt, wo undurchlässige Tonschichten das Sickerwasser in die Gruben hinleiten. Die zuerst erwähnten Gruben sind in absolut trockenen, wasserdurchlässigen Boden angelegt. Um eine Wassergrube befinden sich meistens einige Trockengruben. Die Gesamtzahl der Gruben schätze ich mindestens auf 120 Stück. Sie befinden sich mit einigen wenigen Ausnahmen alle in dem Raum zwischen den beiden Höhenzügen und Westlich vom Breydel-, Kreuzberg und Kranberg. Sie sind ohne Rücksicht auf Bodenart systematisch verteilt. Jedoch ist die Dichte des Vorkommens im südlichen Raum, im Badewald, wesentlich enger als im nördlichen Teil. Daß der größere Teil der Gruben Wohnzwecken diente, ist heute noch praktisch nachweisbar. Im Zentrum des ganzen Geländes liegt der Ort, das uralte Dorf, Berg vor Nideggen, und so absurd es klingen mag, einige Bauerngehöfte sind noch nach alter Art in solche Gruben angelegt und bewohnt.

Die Anlagen sind alle nach gleichen Prinzipien durchgeführt. Man kann die Anlagen also heute noch in ihrer Benutzungsweise in Augenschein nehmen. Ich glaube nicht, daß seit Römerzeiten jemand der siedeln wollte sich ein haustiefes Loch in die Erde gebuddelt hätte, um darin eine Hofstätte aufzubauen und einzurichten. Die Gruben waren schon vorher angelegt und bewohnt und haben durch die Jahrtausende dem gleichen Zweck gedient, natürlich mit Abwandlungen der zeitgemäßen Bauweise. Als Beispiele führe ich in Berg die Hofstellen, Hausnummer 52 und 60 - 61 an und außerhalb Berg, als einzige derartige Anlage in größerem Ausmaß das Gut Kirschbaum, nördlich von Nideggen an der Landstraße nach Düren.

Der Ortschaft Berg vor Nideggen kommt in diesem, vorher beschriebenen Raum, eine besondere Bedeutung zu. Das Dorf, wie es sich heute darbietet, ist keine Siedlung, die aus einer Ursiedlung heraus sich entwickelt hat, sondern ich möchte mit Recht behaupten, es ist ein Überbleibsel der Großsiedlung, die in sagenhafter Zeit ihren Untergang gefunden hat. Von der Kirche, die an erhöhter Stelle mitten im Dorf steht, berichtet die Sage, daß der Turm in heidnischen Zeiten ein Götzentempel gewesen sei. Im Laufe der Jahrhunderte, hat das Bild des Dorfes sich grundlegend geändert. Die uralten, heute noch kaum bekannten Wege, die von den umliegenden Filialorten her kamen, waren alle zur Kirche hingeordnet. Der Berg ist ein altes Pfarrdorf, und die dazugehörenden Ortschaften liegen im Bereich der oben beschriebenen Landschaft. Es sind: Abenden, Blens, Thur, Muldenau (ehemals Pissenheim), Hetzigen mit Hetzenich und von Wollersheim der sogenannte Hadeberg, links vom Bach.

Wie Forscher mitteilen, soll St. Clemens Willibrordus sich 4 Jahre in unmittelbarer Nähe in Berg bei Floisdorf oder auch Wollersheim insgeheim aufgehalten haben. Sein Biograph der Chronist und Kanzler am Hofe Karl des Großen der Mönch Alkuin hat seine, Willibrordus Tätigkeit, als Missionar lückenlos mitgeteilt, nur über seine Tätigkeit im hiesigen Raum schweigt er sich aus. Zur damaligen Zeit war der christliche Glauben auf dem Lande noch schwach verbreitet. Es bedurfte höherer Gewalt und Erlasse von höchster Stelle um allmählich den Hang zum uralten Kult (Steinkult), d. h. den Väterglauben in Vergessenheit zu bringen. Deshalb, im allgemeinen bis heute noch nachwirkend, die Abneigung für den Genuß von Pferdefleisch. Das Pferd war ein geheiligtes Tier, das in allen Lebensphasen dem germanischen Menschen im Krieg sowohl als auch im Frieden, sei es bei der Arbeit und zum kriegerischen Training oder bei Kulthandlungen zur Seite stand. In dem von mir beschriebenen Raum hat die Pferdehaltung zu einer noch nicht feststellbaren Vorzeit eine besondere Rolle gespielt. Die Vorfahren haben hier, soweit die Chronik zurückreicht, Ackerbau betrieben und Vieh gehalten. In der hierbei bearbeiteten Ackerkrume ist nichts von Bedeutung aufgefallen, bis die moderne Tiefpflugkultur, Anfang 1900, den Boden in größerer Tiefe umwendete.

Hierbei kamen fast über das ganze Gelände zerstreut zahllose, eigenartig geformte Hufeisen zum Vorschein. Diese Eisen weichen in ihrer Form von den heutigen vollkommen ab. Sie haben auf jeden Fall schon vor dem frühesten Mittelalter unter der damaligen Ackerkrume gelegen. Wie kamen die nun in diese Bodenschicht? Ist zu irgendeiner Zeit tiefer geackert worden? Dazu kann folgendes gesagt werden. Eines steht fest, durch die übergroße Zahl der gefundenen Eisen muß zu der gegebenen Zeit eine ganz intensive Pferdezucht in diesem Gebiet betrieben worden sind. Das Zucht betrieben worden ist, geht daraus hervor, daß neben Eisen für ausgewachsene Pferde, sehr zahlreiche kleinere und kleinste Eisen, die unter gewissen Umständen Fohlen untergeschlagen wurden. Der Boden war also zur damaligen Zeit mit Gräsern bewachsen. Die Eisen, die verloren gingen, wurden zum großen Teil nicht wiedergefunden und wurden vom Gras überwachsen und gingen so von Jahr zu Jahr immer tiefer in den Boden hinein. Sie hatten, als der erste Pflug den Boden aufriß, eine beachtliche Tiefe erreicht, so daß es erst in unserer Zeit möglich war sie an die Oberfläche zu bringen. Ich glaube es ist nicht abwegig anzunehmen, daß die Wohngruben, entsprechend eingerichtet, auch den Pferden im Winter als Unterschlupf gedient haben (siehe als praktisches Beispiel die erwähnten Gehöfte in Berg und Gut Kirschbaum). Damit zusammenhängend betrachte ich die wasserhaltenden Maare als Trinkstellen besonders für den Winter, wenn alles unter tiefen Schnee lag. Dies von mir dargelegte Pferdezucht und Haltung forderte andererseits eine entsprechende Anzahl Menschen als Betreuer an Ort und Stelle. Also mußten zu einer dichten Besiedlung auch entsprechende Voraussetzungen vorhanden sein. Als erstes kommt das Wasser in Frage. Für den menschlichen und tierischen Bedarf waren und sind für die offene Zeit des Jahres kreuz und quer durch das Gelände verteilt unversiegbare Quellen und Wasserläufe überreichlich vorhanden. Außerdem waren für die Tierhaltung im Bedarfsfall die zahlreichen Maare eingerichtet, die in einem Kranz von Trockengruben besonders im Winter Tränkmöglichkeiten boten.

Der Boden war anundfürsich zur Bearbeitung mit primitiven Geräten ungeeignet, dagegen mit seinem Tongehalt für Grasaufwuchs prädestiniert. Er neigt heute noch außerordentlich zur Vergrasung. Die Menschen die hier wohnten waren nicht zu Ernährung auf Getreidebau angewiesen; auf dem Tauschweg über die Pferdezucht konnten sie sich die notwendigen Lebensgüter in nächster Nachbarschaft in der fruchtbaren Ebene besorgen. Als Erklärung zu meinen soeben dargelegten Ansichten über die Geeignetheit zur Pferdezucht, will ich auf Folgendes hinweisen. In den Jahren 1909 bis 1910 war der Ostteil des Gebietes wegen seiner besonderen Vorzüge für gesunde Pferdezucht vorgesehen, einen Teil des Trakehner Hochzuchtgestütes aufzunehmen.

Seit wann kann man feststellen, ist hier gesiedelt worden? Ich glaube, ich brauche mich nicht zu scheuen und kann mit Ruhe und Sachlichkeit behaupten, daß nach der letzten Eiszeit der Mensch als Jäger und Früchtesammler nachrückte. Seit dieser Zeit hat der seßhafte Siedler Spuren hinterlassen. In diesem Zusammenhang möchte ich die erweiterten Grotten erwähnen, die alle ausnahmslos an den Südost- oder Südwesthängen angelegt sind.

Hierauf folgt die Steinzeit, wo der Mensch neben den hergebrachten Geräten aus rohen Steinen, eventuell angekohlten Holzgräten, Keulen und bearbeiteten und unbearbeiteten Tierknochen, auch die Bearbeitung und Benutzung des Feuersteines als Waffe und Handwerkszeug kennen und beherrschen lernt. Aus dieser Zeit kann der aufmerksame Sucher weitverbreitet Schaber, abgearbeitete Knollen, Klingen und sonstige Geräte finden. Die bedeutendsten Funde aus Düren sind je ein Feuersteinbeil vom Clemensstock (Museum Düren) und von der Hinrichtungsstätte auf dem Breydel (Landesmuseum Bonn?) genannt am Galgen oder auf dem Tönnen und auch am Wolf. Beide Stätten waren durch einen Weg verbunden. Das Grundelement dieser Zivilisationsepoche, der rohe Feuerstein, lag und liegt auch heute noch handgreiflich nahe, sozusagen neben der Haustüre. Unsere Großeltern, die noch Stahl und Schwamm zum Feuer anfachen benutzten, holten sich im Bedarfsfall den dazugehörigen Feuerstein in der Gemarkung Thum, wo er als Findling auf den Ackerparzellen oder in Kies und Sandgruben zu finden ist.

In der nun folgenden Bronzezeit waren die Grundelemente wie Kupfer, Blei, Zink, Silber und sogar Gold in unmittelbarer Nähe erreichbar. Im Süden, im Vlattener Raum, sind die Kupfervorkommen und seine Bergung bis ins Mittelalter bekannt. Nordwestlich liegt der Ort Leversbach mit seinem sagenhaften Silberstollen, dessen bedeutende Abraumhalde vorhanden ist. Bronzegegenstände und Waffen sind meines Wissens hier nicht, wohl in Vlatten gefunden worden. Daß in dieser Zeitepoche diese Gegend bewohnt gewesen ist, beweisen die Funde von Urnen und Topfscherben. Urnenfeldergrab (900 - 400 v. Chr.) auf dem Hostert. Ausgrabung 1957.

In der nun folgenden Eisenzeit kommt allmählich der römische Kultur- und Zivilisationseinfluß zur Auswirkung. Was darüber zu sagen ist, wird hoffentlich der Spaten in Bälde weiterhin aufdecken.

Wie ich soeben dargelegt habe, ist das Gelände aus den verschiedensten Gründen zu einer intensiven Besiedlung hervorragend geeignet und von Natur aus geschützt. Es ist durch die natürliche Formung und Gestaltung in der Landschaft abgesondert. Es ist in seiner ursprünglichen, noch nicht modern aufgeschlossenen Form geschützt gegen die Umwelt. Es ist die Möglichkeit gegeben, daß was sich hier befindet gegen unberechtigte Zugriffe von außen mit größt möglicher Sicherheit zu bewachen. Z. B. ist das Tal von Abenden wie ein unüberwindlicher Zwinger gegen jeden Zutritt oder auch Austritt absolut verriegelbar. Wie eingangs erwähnt war die Contzerstraße wohl kaum angelegt worden, weil das Abendener Tal bedeutende wirtschaftliche Werte produzierte, im Gegenteil, das Gelände in und um Abenden ist nicht so ergiebig, daß man zur Verwertung eine solche Anlage schaffen mußte. Anderenseits die alten Wege die von hier nach Osten durch die Schluchten führten, gingen alle bis zur Kirche in Berg. Die eigentlichen Fernverkehrswege von der Eifel bis zum Rhein führten an dem beschriebenen Gelände vorbei. Wer es besuchen wollte, mußte einen Abstecher machen. Dazu konnte er nur die von Süd nach Nord durchquerende Fernstaße, Triererstraße, benutzen.

Beim Ein- und Austritt aus dem Gelände mußte er die stark befestigten und bewachten Außenwerke am Rödelsberg und vor Nideggen passieren. Die Natur hat hier in die weite Landschaft ein Gebiet hinein gezaubert, das in seiner Vielgestaltigkeit und Vielfältigkeit den bewohnenden Menschen Anregungen und Möglichkeiten darbot, die wohl kaum irgendwo auf so engem Raum harmonisch vereint zu finden sind.

In Betrachtung dieses alle, komme ich zu dem Schlußergebnis, daß die von mir geschilderte Örtlichkeit, als mitten im ehemaligen Eburonenland liegend, das von Julius Caesar genannte Kastell - id es nomen castelli - Aduatuca sein muß. Es ist nicht so außerordentlich bedeutungsvoll, daß Caesar hier denn auch das vielerorts gesuchte Winterlager hatte und und in seiner Nähe die größte Schlappe des gallischen Feldzuges erlitt, sondern es ist viel wichtiger, daß hier eine Stätte seit altersher war, die den Ein- und Umwohnern als Ort bekannt war, wo das „Od“ bewahrt und bewacht wurde und sogar einem so angesehenen und bedeutenden Volksstamm, wie die Zimbern und Teutonen zur Namensgebung gut genug war. Diese hätten sich den Namen Aduatucer nicht zugelegt, wenn es kein ehrenvoller gewesen wäre.

Das in vorhergehender Abhandlung beschriebene Gebiet ist von Natur aus geschützt. Dieser natürliche Schutz war, wie man heute noch an zahlreichen Stellen, besonders in Wäldern, feststellen kann, an der Peripherie des Raumes durch künstliche Anlagen verstärkt und bildete einen Schutz- und Wehrring. Als äußerste Wachorte betrachte ich zu dem noch die Burgen von Heimbach, Maubach, die Stadt Zülpich und zur Eifel hin die Wallanlagen auf der Höhe des Odenbleuels, nahe der Contzerstraße und auf dem Giersberg oberhalb des Roßberges. Heimbach und Maubach, letzteres mit seiner vorgeschichtliche Ringwallanlage auf der Hochkoppel, dienten dem Schutz des Rurtales. Zülpich war die Aufgabe zugedacht den Hauptzugang durch das Neffeltal zu überwachen. Die heutige und die mittelalterliche Stadt ist, sowie auch Nideggen, als befestigter Ort auf einer vorgeschichtlichen Ring- Wallanlage errichtet. Beide im Mittelalter verstärkte Festungen sind mit Ausnahme der Tore und der Burganlagen zum Angriff wie zur Verteidigung nur frontal eingerichtet. Vorspringende Bastionen sind nicht vorhanden. Bei der Rundung der Anlagen dienten die Türme nur der Beobachtung des Vorgeländes und als Befehlsstände für den Kampfleiter. In dem Dreieck Heimbach, Zülpich und Maubach befinden sich außerdem Rohstofflagerstätten von Kupfer, Blei - Zinn und Feuerstein. Das Eisen aus Rasenerzstein, sowie geringe Vorkommen als Brauneisenerz, sind auf dem Höhenzug im Kernraum des Gebietes um den Clemensstock herum zu finden. Deshalb kann die eine oder andere Grube auch als Schürfstelle nach Erz gedient haben. Z. B. am Hostert, in dessen Nähe sich eine Abraumhalde befindet.

Am Ostufer der Flur von Nideggen bis Maubach - Üdingen zieht sich ein zum Fluß jäh abfallender Höhenzug, Mausauel genannt, hin. Hier befinden sich noch verschiedene Höhlen und Grotten, wovon eine noch bis ins Mittelalter, nach vorhandenen Spuren, Wohnzwecken gedient hat. Unterhalb dieser Höhlen, am Bergfuß, ist der bekannte Schalenstein, der im Museum in Düren zu sehen ist, gefunden worden. Ein Beweis, daß schon tausende Jahre vor Chr. hier Menschen sich mit höherer Kultur befaßt und betätigt haben.

Eine ähnliche Höhle befindet sich im südlichen Raum auf Heimbach zu oberhalb Hausen, das Leye-Nergens-Hüsge genannt wird. Es ist also nicht abwegig, wenn ich soweit in die Landschaft hinaus greife. Wenn die Ausstrahlung aus dem kompakten Kerngebiet soweit in die umgebende Landschaft hinausreicht, so unterstreicht diese Tatsache nur die Bedeutung dessen, was in und um

die sieben Berge gewesen ist.









Aus: Heinrich Fischer, In und um die sieben Berge, archiviert von Marlene Ganser, S.1-14,
Quelle: Heinz Bücker, Heimat- und Geschichtsverein Nideggen e.V

Sammlung Peter Michael Greven Nideggen
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