Bei den Badewald-Ausgrabungen:
Archäologen stoßen in wissenschaftliches Neuland vor
Ausgrabungsfeld hat sich auf hunderte Meter ausgedehnt - Deutsche Forschungsgemeinschaft will helfen





Düren, 9. Juli (Eig.Ber.)

Die Ausgrabungen im Badewald unter Leitung des römischen Archäologen des Bonner Landesmuseums, Dr. von Petrikowits, haben in den letzten Wochen nicht nur in ihrer räumlichen Ausdehnung, sondern vor allen Dingen in ihrer wissenschaftlichen Bedeutung für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der römischen Zeit ein Ausmaß angenommen, das weit über den Rahmen üblicher Bodenforschungen hinausgeht. Das gesamte Grabungsfeld, das inzwischen einen freigelegten Tempelbezirk, einen ebenfalls zum großen Teil freigelegten Gutsbezirk, eine sogenannte Villa rustica, und eine Reihe von verstreut liegenden Gebäuden umfaßt, ist damit zu einer der wichtigsten Forschungsstellen nicht nur in Deutschland, sondern weit darüber hinaus für die Klärung der gesamten Siedlungsgeschichte der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt in unserem Gebiet geworden.

Klein angefangen

„Wir haben klein angefangen“, sagte Dr. von Petrikowits bei einer Pressebesichtigung, die gestern nachmittag in dem weiten Gebiet des Badewaldes stattfand und bei der der bekannte römische Archäologe einen Ueberblick über die bis jetzt durchgeführten Ausgrabungen gab. Man habe zwar schon beim ersten Fund, dem gallo-römischen Tempel aus der Zeit des zweiten bis dritten Jahrhunderts nach Christus (die DZ berichtete bereits mehrfach über die bedeutenden Funde) die Vermutung gehabt, daß die Fortführung der Grabungen zu überraschenden Ergebnissen führen könne, eine solche, für die wissenschaftliche Forschung ergiebige Grabungsstelle jedoch nicht erwartet.

Der Kreis muß helfen

Dr. Petrikowits bezeichnete die Badewaldgrabungen als die erste größere Ausgrabung nach dem Kriege im gesamten Gebiet unseres Landes, die in vielen Dingen ein Vorstoß in wissenschaftliches Neuland bedeute. Obschon die Grundrisse, Mauerreste und Kellerräume der ausgedehnten Gutsanlage sich in keinem guten Erhaltungszustand befinden, bedeutet dies insofern ein glücklicher Umstand, als sich dadurch die Grabungskosten sehr niedrig gestalten. Die Fundamente liegen nämlich höchstens eine Hand breit unter der Erdoberfläche, so daß keine großen Erdbewegungen nötig sind. Trotzdem wird die Grabung bis zur völligen wissenschaftlichen Ausschöpfungsmöglichkeit noch etwa 8000 DM erfordern. Dr. Petrikowits hat inzwischen einen Antrag an die Deutsche Forschungsgesellschaft in Godesberg gestellt, die die wichtigen Forschungen mit einem Beitrag von etwa 6000 DM unterstützen will. Voraussetzung für die Zahlung des Geldes ist es aber, daß von anderen Stellen die Restfinanzierung übernommen wird. Die Grabungsleitung wird sich aus diesem Grunde nochmals an den Kreis Düren wenden, um diesen Restbetrag für ihre wichtigen Ausgrabungen zu erhalten. Man kann nur hoffen, daß die zuständigen Kreisstellen das nötige Verständnis für diese gerade für den Kreis Düren bedeutsame Grabung aufbringen.

Antwort auf wichtige historische Fragen

Die Bedeutung der Badewaldgrabungen liegt nicht so sehr in der Freilegung des riesigen Sieldungskomplexes, der sich inzwischen von der kürzlich gerodeten Fläche des sogenannten Hostert längst in die südostwärts der mittelalterlichen Eisenstraße gelegenen Waldteile und Felder der sogenannten „Schmitze Ranken“ gezogen hat, sondern in den siedlungsgeschichtlichen und wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Erkenntnissen, die sich aus der Zeit der ersten Jahrhunderte nach Christus ergeben werden. Dr. von Petrikowits erwartet von der Auswertung der Grabungen die Beantwortung vieler historischer Fragen, nach denen die Wissenschaft seit Jahrzehnten vergeblich suchte.

Wirtschaftliche Hochblüte in der Eifel?

Erstmals brachten die Badewaldgrabungen die Erkenntnis, daß gallische Tempel auch in unmittelbarerer Nähe von Wohnsiedlungen und Gutshöfen gelegen haben. Bisher gelang bei den Ausgrabungen der vielen römischen Gutshöfe niemals die Klärung, wo sich die Wohnstätten der zweifellos zahlreichen Arbeitskräfte derartiger Gutshöfe befanden. Bei der Berger Ausgrabung liegt die Vermutung nahe, daß die Bewohner des Gutes neben dem Ackerbau auch in größerem Umfange den Abbau von Erzgestein betrieben haben und entsprechende Produktionsstätten unterhielten. Die Ausgrabung soll auch hier eine wertvolle grundsätzliche Klärung bringen, die die These bestätigen kann, daß der Eifelraum seine höchste wirtschaftliche Blütezeit in den ersten Jahrhunderten nach Christus hatte. Des weiteren erhofft man sich exemplarische Untersuchungsergebnisse über die Art der Kolonisation des gesamten Eifelgebietes in dieser Zeit. Als letztes steht die Frage nach der Christianisierung des Eifelraumes aus, die man an Hand der Berger Tempelausgrabung zu klären hofft.

Unter einem glücklichen Stern

Die Beantwortung all dieser wichtigen historischen Fragen wird nicht nur das frühe Geschichtsbild des Dürener Landes und der Eifel erheblich aufhellen, sondern weit darüber hinaus Rückschlüsse auf die gesamte Kultur- und Siedlungsgeschichte des weiten gallo-römischen Raumes möglich machen. Die bisherigen Grabungsarbeiten im Badewald standen unter einem glücklichen Stern. Mit dem denkbar geringsten Kostenaufwand erbrachten alle bis jetzt angesetzten Versuchsschnitte sofort das gewünschte Ergebnis. So stellt sich das Grabungsfeld jetzt als geschlossener Tempelbezirk im Westen der Ausgrabungsstelle und einem geschlossenen Gutsbezirk, der Villa rustica, mit einem Herrenhaus und einer großen Anzahl von Wirtschaftsgebäuden dar. Die aufgefundenen Grundrisse verteilen sich auf eine Fläche von mehreren hundert Metern Ausdehnung. Nach den bisher gemachten Erfahrungen bei anderen Ausgrabungen liegen noch weitere Fundstellen in einem jetzt mit hohem Roggen bestandenen Feld, so daß die Arbeiten erst nach der Ernte weiter fortgeführt werden können. Daneben legten die Altertumsforscher noch einige Gebäude frei, die außerhalb des festumrissenen Gutsbezirks liegen. Auch hier ergeben sich möglicherweise noch interessante Klärungen.

Spuren eines älteren Bauwerks

Schon jetzt läßt sich sagen, daß die freigelegte Farm, die auf Grund von Keramikfunden, Fibeln und Münzen ins zweite bis dritte Jahrhundert nach Christus datiert werden kann, nicht von einem Römer aus den Mittelmeergebieten, sondern von heimischen Galliern bewohnt war. Das freigelegte Gutshaus hat eine Ausdehnung von 20 mal 32 Metern und besteht aus zahlreichen, teils mit Fußbodenheizung versehenen Räumen. Ein Teil des Hauses war unterkellert. Der Keller, der über sieben Sandsteinstufen errichtet wurde, ist noch vollständig erhalten. Die Gutsanlage entspricht dem klassischen Typ der bis jetzt freigelegten Farmanlagen. Das Gebäude ist an der Vorderfront von zwei turmartig vorstehenden Seitenteilen begrenzt und hatte über dem in der Mitte liegenden Eingangstor eine Säulenhalle. Unter den Grundmauern wurden Spuren eines älteren Bauwerks entdeckt, das offenbar einem großen Brand zum Opfer gefallen ist.

Sage vom untergegangenen Badua bestätigt

Die Grabungsstelle wurde in der letzten Zeit häufig von interessierten Zuschauern, vor allen Dingen aber Wissenschaftlern und Forschern besucht. Ihre Bedeutung geht daraus hervor, daß das Bonner Landesmuseum alle zur Verfügung stehenden Kräfte auf diese Ausgrabungen in den letzten Wochen konzentriert hat. Die Ausdehnung des Siedlungsbezirks ist vorerst noch gar nicht abzusehen, vermutlich aber sehr groß, da das ganze Gebiet des Badewaldes mit römischen Bauresten und Ziegeln geradezu übersät ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß sich in der Gegend von Nideggen-Berg-Wollersheim seit Jahrhunderten die Sage von der untergegangenen Stadt Badua überliefert hat. Diese mündliche Ueberlieferung über mehr als 17 Jahrhunderte hinweg geht zweifellos auf die jetzt freigelegte gallo-römische Siedlung zurück. Damit bestätigt sich wieder einmal, daß im Volksmund lebendige Legenden und Sagen immer einen wahren historischen Kern haben.





Quelle: Dürener Zeitung Nr. 158 vom 10. Juli 1954
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ammlung wingarden.de, H. Klein
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