Geschichtsforschung kennt keine Grenzen
Eisenhüttenleute aus ganz Deutschland in Düren - Diskussion um die Ausgrabungen im Badewald





Düren, den 13. Oktober (Eig. Ber.)

Unter dem Vorsitz von Professor Dr. Schulz (Düsseldorf) tagte am Mittwoch der Geschichtsausschuß des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute in Düren. Bei der Arbeitssitzung im großen Saal des Leopold-Hoesch-Museums konnte Prof. Dr. Schulz historisch interessierte Eisenhütten-Ingenieure und Dozenten aus ganz Deutschland begrüßen, darunter Vertreter des Eisenhüttenwesens aus der Sowjetzone und aus dem Saargebiet.

Daß es für die Geschichtsforscher keine Grenzen gibt, ging aus mehreren Referaten hervor, in denen auch auf eine enge Zusammenarbeit der deutschen und belgischen Geologen und Historiker im Rahmen der Erforschung der Bunteisenerz-Provinz um das Hohe Venn hingewiesen wurde. Diese von dem Dürener Geologen Dr. August Voigt entdeckte Erzprovinz erstreckt sich von den Ardennen über das Venn und die Eifel bis in das Dürener Land.

Das heimathistorische Interesse dieser Tagung auch für den Dürener Raum wurde durch die Teilnahme zahlreicher Dürener Vertreter der Heimatforschung, darunter der staatliche Bodenpfleger Gerhards, Armin Renker für den Kreiskulturausschuß und Museumsdirektor Dr. Appel, unterstrichen. Im Namen der Stadt und des Kreises Düren begrüßten Oberstadtdirektor Dr. Brückmann und Oberkreisdirektor Dr. Bierhoff die Eisenhüttenleute. Professor Schulz sprach die Hoffnung aus, daß sich ein dauernder fruchtbarer Kontakt zwischen den Eisenhütten-Historikern und den Heimatkundlern der Stadt und des Kreises Düren ergeben möge. Sein besonderer Dank galt dem Dürener Geologen und Heimatforscher Dr. August Voigt, der seit 20 Jahren die historische Arbeit im Verein Deutscher Eisenhüttenleute überaus rührig unterstützt.

Zum 400. Todestag Agricolas

Mit einem Referat des Leiters der Bergbauakademie Freiberg (Sowjetzone), Dr. Wilsdorf, über das Leben und Wirken des Begründers der modernen Bergbautechnik, Georg Agricola, gedachten die Eisenhüttenleute des 400. Todestages dieses ersten wissenschaftlichen Bergmannes, dessen umfangreiche Bergbauschriften noch heute die Grundlage der modernen Lagerstättenkunde und Bergbautechnik bilden. Dr. Wilsdorf ergänzte das vielfach bekannte geschichtswissenschaftliche Bild dieses Mannes durch viele liebenswerte menschliche Züge, denen er in langen und umfassenden Forschungen nachgegangen war. Agricola, der Sohn eines sächsischen Tuchmachers und Färbers, Schüler des großen Humanisten Erasmus von Rotterdam, Schulmeister, Arzt und Mediziner und schließlich der wissenschaftliche Begründer der Bergbautechnik, dazu Nationalökonom und Verfasser mehrerer Dutzend Schriften, die ausnahmslos heute noch Gültigkeit besitzen, interessierte sich im sächsischen Bergbaugebiet auch für die damals schon bekannten Ofenplatten aus dem Eifelland. In der Zeit des Aufbruchs der Renaissance war er es, der die humanistische Gedankenwelt mit der „technischen Kunst“ des Berg- und Hüttenwesens eng verband, die heute noch als Urquell der modernen Bergbautechnik gilt.

Drei wichtige Bergbau-Epochen

Im Mittelpunkt des Interesses der Dürener Tagung, die am Nachmittag durch eine Exkursion zum Badewald bei Berg vor Nideggen und zu den historischen Stätten des Eisenhüttenwesens im Kalltal vertieft wurde, standen die römischen Ausgrabungen im Badewald. Der Ausgrabungsleiter Dr. von Petrikovits, gab anhand der bisherigen Grabungsergebnisse einen Ueberblick über den römischen Eisenbergbau in der Nordeifel. Gerade für die Eisen- und Stahlhistoriker werden die Forschungen im Badewald von großer Bedeutung sein. Sie geben zum erstenmal einen Ueberblick über den Umfang der römischen Besiedlung im Nordeifelraum und über das Wirtschafts- und Gewerbeleben in den ersten Jahrhunderten nach Christus, das entscheidend vom Erzabbau, seiner Verhüttung und seiner Verarbeitung geprägt wurde. Die Forschungen der Archäologen ergänzen damit das von der geologischen Seite seit längerer Zeit erarbeitete Bild der Erzprovinz im Eifelraum und ließen ihren Erforscher, Dr. Voigt, in weiteren Darlegungen zu dem Schluß kommen, daß die Nordeifel und der Dürener Raum drei große Epochen



des Erzbergbaues in den letzten zwei Jahrtausenden erlebt hat: in römischer Zeit der jetzt durch die archäologischen Forschungen bestätigte Eisenerzabbau in der Nordeifel, das mittelalterliche Bergwerkswesen im Vicht- und Wehebachtal (durch die intensiven heimatkundlichen Forschungen Dr. Voigts belegt) und der seit langem bekannte Eisenerzbergbau des 17. und 18. Jahrhunderts, der seine Schwerpunkte im Kalltal und in Lendersdorf hatte.

Eisen oder Blei

Im Märzental bei Berg vor Nideggen besichtigten die Exkursionsteilnehmer die bis jetzt an einem Hang ausgegrabenen drei römischen Schmelzöfen, in denen nach Ansicht der Archäologen das von den Römern im Badewald in 60 bis jetzt bekannten Tagebaugruben geschürfte Rasenerz verhüttet wurde. Angesichts der freiliegenden Rennfeuer und Windöfen kam es zwischen den ausgrabenden Archäologen und den Hüttenhistorikern zu einer interessanten Diskussion über den Verwendungszweck dieser zweifellos als Oefen gebrauchten Gruben. Nach Meinung der Hüttenleute deuten alle Anzeichen, so die aufgefundenen Schlacken und die grünglasierten Wandsteine der Oefen darauf hin, daß es sich nicht um eine Eisenverhüttung, sondern um eine andere Bearbeitung des Metalls gehandelt haben muß. Dabei soll durch umfangreiche Analysen der aufgefundenen Steine noch geklärt werden, ob in den Rennfeuern in Berg überhaupt Eisen, oder nicht doch ein anderes Metall, etwa Blei, geschmolzen wurde.

Ein neuer Befund

Die vom Leiter der Bergakademie Clausthal, Dr.-Ing. Schürmann, durchgeführten metallurgischen Untersuchungen von Schlackenteilen, die in einem Gutshof des Badewaldes gefunden worden waren, brachten, wie Dr. Schürmann in einem umfassenden Referat darlegte, keine Beweise für die Verhüttung des Eisens an Ort und Stelle. Dr. Schürmann war es auch, der bei den intensiven Diskussionen im Badewald die Möglichkeit andeutete, daß in römischer Zeit im Badewald auch Blei verhüttet worden sei, eine Feststellung, die nach Meinung Dr. Voigts allerdings nicht in die bisherigen lagerstättenkundlichen Forschungen dieses Gebietes hineinpaßt.

Wie wir kurz vor Redaktionsschluß erfahren, hat eine in den letzten Tagen in einem Dürener Werk durchgeführte Materialprobe aus einem der aufgefundenen Rennfeuer ergeben, daß es sich bei der abgesetzten Erzmasse einwandfrei um Blei handelt. Dieser Befund war bei der Tagung am Mittwoch noch nicht bekannt. Somit dürfte feststehen, daß in den römischen Gutshöfen des Badewaldes außer dem im Buntsandstein vorkommenden Rasenerz auch Blei verhüttet wurde, das entweder von weit her mit Karren herangebracht wurde, oder in dem im Märzental anstehenden Muschelkalkboden ebenfalls geschürft wurde. Entsprechende Nachforschungen müssen dies Annahme jedoch noch bestätigen.

Weitere Grabungen im nächsten Herbst

So wurden durch die Dürener Tagung der Eisenhüttenleute gerade im Zusammenhang mit den Badewald-Ausgrabungen wieder viele neue Fragen aufgeworfen, die noch der Klärung harren. Wie der römische Archäologe des Bonner Landesmuseums mitteilte, sollen die Ausgrabungen über Winter eingestellt und erst im Herbst nächsten Jahres wieder aufgenommen werden. Ihre restlose Durchführung ist zum großen Teil auch eine finanzielle Frage, Oberkreisdirektor Dr. Bierhoff wies darauf hin, daß der Kreis Düren, wenn „wieder einmal Not am Mann sei“, sicherlich einen Weg finden werde, die Grabungen weiter zu unterstützen. Bevor die Besichtigungsfahrt mit einer langen Wagenkolonne angetreten wurde, hatte Museumsdirektor Dr. Appel den Eisenhüttenleuten einige prächtige mittelalterliche Ofenplatten aus dem Dürener Raum gezeigt.

Der älteste Hochofen

Zum Abschluß der Tagung wurde der älteste Hochofen Westdeutschlands, der Zweifallshammer im Kalltal, besucht. Dieser 1806 entstanden Hochofen hat eine interessante Geschichte und gilt als der Vorläufer der von Eberhard Hoesch gegründeten Lendersdorfer Hütte. Bevor das Eisenerz der Nordeifel in Lendersdorf verhüttet wurde, führte Eberhard Hoesch in Zweifallshammer die Schmelzprozesse durch. Das gewonnene Eisen wurde damals vom Kalltal aus über einen serpentinenreichen alten Eisenweg, der nach Brandenberg führt, ins Dürener Land transportiert.


Die umfangreiche Grabungsstelle im Märzental bei Berg vor Nideggen, wo drei römische Windöfen durch die Bonner Archäologen aufgedeckt wurden, fanden das besondere Interesse der Eisenhüttenleute. Unsere Aufnahme zeigt im Vordergrund den Wandkanal, der zu dem birnenförmigen Ofenloch führt, das gerade von den Eisenhüttenleuten besichtigt wird.


Eine heftige Diskussion über die Art des von den Römern verhütteten Metalls im Badewald entspann sich zwischen dem Grabungsleiter, Dr. von Petrikovits (in der Mitte mit Stock), und den Eisenhüttenleuten. Rechts im Bild der Dürener Geologe Dr. Voigt), links der Leiter der Bergakademie Clausthal, Dr. Schürmann (Rückenansicht), der die Meinung der Verhüttung von Blei vertrat.

(Fotos: Schmitz)





Quelle: Dürener Zeitung Nr. 239 v. 14. Oktober 1955
Sammlung wingarden.de
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