Archäologische Erfolge im Badewald
Spaten lüften das Geheimnis der „Maare“ in der Bade
Bedeutendes römisches Erzabbaugebiet in der Nordeifel - Brauneisenstein wurde in Schmelzöfen verhüttet - „Modellgrabungen“ in einem Gebiet von neun Quadratkilometern - Ueberraschung für die Geologen





Berg vor Nideggen, 21. September (Eigener Bericht).

Die vor etwa drei Wochen im Gebiet des Badewaldes südlich von Berg vor Nideggen wieder aufgenommenen archäologischen Grabungen waren von einem seltenen Glücksstern begleitet. Archäologen des Bonner Landesmuseums, an ihrer Spitze der leitende römische Archäologe, Dr. von Petrikovits, konnten das Geheimnis der sogenannten „Maare“ im Badewald, etwa 60 Mulden, die über das ganze Gebiet verstreut liegen und seit urdenklichen Zeiten zu allen möglichen Kombinationen und Vermutungen Anlaß geben, restlos klären.

Der Spaten der Ausgräber enträtselte die Mulden einwandfrei als römische Abbauschächte für Brauneisenstein. Das gegrabene Erz wurde in Schmelzöfen, von denen bisher zwei aufgedeckt werden konnten, an Ort und Stelle verhüttet. Das Gebiet des Badewaldes ist als einziges großes Eisenerzbaugebiet mit den dazugehörigen Schmelzöfen anzusehen. Bis jetzt wurden in einem neun Quadratkilometer großen Gelände allein zehn römische Gutsanlagen festgestellt, deren Menschen neben der Landwirtschaft zur Hauptsache vom Erzbergbau lebten.

„Kampfplan“ des Bonner Landesmuseums

Dr. von Petrikovits, der zur Zeit die großen Neußer Ausgrabungen leitet, gab jetzt der Presse Einen Einblick in die erfolgreichen Grabungen, die in etwa vierzehn Tagen abgeschlossen werden, im nächsten Jahr aber wieder aufgenommen werden sollen mit dem Ziel, die siedlungsgeschichtliche Bedeutung der Nordeifel in römischer Zeit restlos zu klären. Dazu hat sich das Bonner Landesmuseum einen „Kampfplan“ aufgestellt. Als „Muster“ für die zahlreichen römischen Gutsanlagen, mit denen der Badewald in einem jeweiligen Abstand von etwa einem Kilometer dicht besiedelt war, soll der im vergangenen Jahr teilweise freigelegte römische Gutshof nun völlig aufgedeckt werden. Daneben wurden an vielen anderen Stellen Testgrabungen durchgeführt. Der Umfang der Grabungen richtet sich allerdings nach dem Geld, das zur Verfügung stehen wird. Die augenblicklichen Arbeiten werden aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert.

Archäologie und Geologie arbeiten zusammen

Wie eng die moderne Archäologie mit der geologischen Forschung zusammenarbeiten, um die gegenseitigen Ergebnisse zu ergänzen, wird bei diesen Ausgrabungen im Badewald deutlich. Nicht umsonst war der bekannte Dürener Geologe Dr. Voigt anwesend. Seine lagerstättenkundlichen Forschungen über die Butterprovinz um das Hohe Venn wurden in den Nachkriegsjahren zur Grundlage umfassender geologischer Erkenntnisse im Gebiet der Ardennen, der Eifel und des Hohen Venns. Sie fanden durch die archäologischen Ergebnisse im Badewald eine treffende Bestätigung. Dr. Voigt, den Lesern unserer Zeitung durch seine historischen Forschungen über die mittelalterliche Wirtschaftsgeschichte des Dürener Landes bekannt, ist an dem Forschungsergebnis im Badewald maßgeblich beteiligt. Zusammen mit Dr. von Petrikovits untersuchte er das jetzt freigelegte römische Abbaugebiet. Dabei kam es auch für die Geologie zu einer Ueberraschung. Bunteisenstein, der gesamten geologischen Forschung bis jetzt nur als Erzablagerung im Buntsandstein bekannt, stellte sich bei den Berger Grabungen auch als Vorkommen in Muschelkalkböden heraus; eine Erkenntnis, aus der die Römer schon vor 1800 Jahren im Badewald ihren Nutzen zogen.

Die Ernte war das Signal

Nicht immer hatten die Archäologen im Badewald ein so prächtiges Grabungswetter, wie in den letzten Tagen. Das sanfte Hügelgebiet des ehemaligen Badewaldes präsentierte sich in einem blanken herbstlichen Sonnenschein. Seit 1936 ist der größte Teil dieses jahrtausendealten Waldgebietes Stück für Stück gerodet worden. Wo seit urdenklichen Zeiten dichter Wald und undurchdringliches Gestrüpp die Höhen beherrschte, brachte in diesen Wochen die Mähmaschine eine gute Ernte ein. Das aber war das Signal für die Männer des Spatens, mit ihren Grabungen wieder da anzusetzen, wo das wachsende Getreide im vergangenen Jahre ein Halt gebot. Schon damals war den Archäologen klar, daß die Menschen der 1954 freigelegten Gutsanlage - Teile eines Herrenhauses mit Keller und Hypokaust-Heizung, ein Gesindewohnhaus, mehrere Schuppen und ein Getreidespeicher - nicht nur von der Landwirtschaft gelebt haben konnten. Darauf deuteten nicht nur ein zwischen zwei Schuppen gemachter Bunteisenfund hin, sondern auch die Tatsache, daß die schon seit vielen Jahren kartographisch festgehaltenen zehn römischen Gutshöfe im Gebiet des Badewaldes nur durchschnittlich einen Kilometer auseinanderlagen. Bei der in diesem Gebiet vorhandenen Bodenqualität, der die Bodenklasse 45 bis 50 angehört (in der Kölner Bucht Bodenklasse 100), konnte nur eine gewerbliche Existenzsicherung der früheren Bewohner des Badewaldes möglich gewesen sein.

Neun Quadratkilometer „Modellgebiet“

Dies war der Ausgangspunkt der neuerlichen Nachforschungen, die endlich mit so großem Erfolg der Lösung der Kernfrage nach der wirtschaftlichen Struktur des römischen Eifellandes nähergekommen sind. Viele Aufgaben harren noch ihrer Lösung, denn die auffallend dichte Besiedlung des Eifellandes zur römischen Zeit wird von nun an zur Hauptsache unter dem Gesichtspunkt der Metallgewinnung betrachtet werden müssen. Zur restlosen Klärung dieser Frage steckte Dr. von Petrikovits ein großes Viereck von neun Quadratkilometern Größe ab, das im Norden von dem erst in den letzten Wochen als römischen Ursprungs erkannten Berg vor Nideggen, im Süden von Vlatten, im Westen vom Hochrand des Rurtals oberhalb Abenden und im Osten von Wollersheim begrenzt ist. Gerade in diesem Gebiet liegen die römischen Siedlungsspuren dicht beieinander.

Dank der archäologischen Vorarbeit des Blenser Pastors Pohl und des Berger Bauern Fischer, die das Gelände des Badewaldes eifrig durchforschten, weil sie dort das von Cäsar vermerkte Aduatuca der Eburonen vermuteten, sind die gesamten römischen Anlagen schon seit längerer Zeit kartographisch erfaßt. In diesem Zusammenhang wurden auch schon früh die mehr als 60 Mulden kartiert, deren Rätsel jetzt gelöst werden konnte. Schließlich ist gerade dieser Landstrich für eine repräsentative Forschung besonders geeignet, weil das jahrhundertealte Waldgebiet seit der Römerzeit ungestört blieb.

Zwei römische Schmelzöfen entdeckt

Die neuen Grabungen förderten im Merzental, das sich von Berg in östlicher Richtung auf das Neffelbachtal erstreckt, an einem westlichen Bergabhang zwei römische Schmelzöfen zutage. Sie liegen in unmittelbarer Nähe eines römischen Gutshofes. Durch mehrere Bodenschnitte konnte die genaue Lage der Oefen, die in umgekehrter Glockenform in die Erde eingelassen sind, festgestellt werden. Die durch die große Hitzeentwicklung entstandenen Ränder sind noch heute in ihrer roten Tönung genau zu erkennen. Ihr Durchmesser beträgt 3,50 Meter. Der Abstich - oder ist es der Windkanal - befindet sich nach Westen hin am Abhang des Berges. Den Anstoß zu diesen Grabungen gab ebenfalls Bauer Fischer, der dort hellgrün glasierte Steine fand. Weiter wurde der Spaten in unmittelbarer Nähe des Hostert angesetzt, wo 1954 die Gutsanlage und drei Grabmale gefunden wurden. Hier liegt mitten im Feld eine deutlich erkennbare Mulde. Durch einen Querschnitt entdeckte man auf der Sohle der Grube römische Ziegel und Rest von Tongefäßen, die jeden Zweifel über die römische Herkunft der 60 Gruben ausschließen.

Spannende Ausgrabungs-Stunden

Bei diesen Grabungen kam es zu einem unerwarteten Ergebnis, das die Archäologen tagelang in Hochspannung hielt. Zwanzig Meter vom Rand der Grube stellte man eine Bodenverfärbung fest, wie sie alte Holzfundamente noch über Jahrtausende hinterlassen. Zuerst vermutete man einen Schuppen, dessen Ausmaße im Verlauf der Grabungen immer größer wurden. Zehn Meter, fünfzehn Meter, zwanzig Meter weit führte die Bodenspur, ohne daß man sich einen Reim über ihre Ursache machen konnte. War es eine Baracke, war es ein Schuppen, war es ein riesiges Saalgebäude? Immer noch zog sich die Verfärbung weiter durch den freigeschabten Boden. Mehr zum Spaß sprach man bereits von einer Königshalle. Aber plötzlich dämmerte es. Man hatte einen Knüppeldamm erwischt, den die Römer um den Tagebauschacht angelegt hatten, um bei nassem Wetter das gewonnene Eisenerz in die Gutshöfe und an die Schmelzöfen zu karren. Diese Bodenspuren erwiesen sich außerdem als nicht zu unterschätzende Hilfsmittel, um festzustellen, zu welchem der zehn Gutshöfe in diesem Gebiet die 60 Gruben gehörten. Die Spur zeigt heute, nach 1800 Jahren, unweigerlich die Richtung an, in die das gewonnene Erz abtransportiert wurde.

Klio, die Muse der Geschichte, überrascht nicht nur die professionellen Archäologen, sie hat auch freundliche Gesten für ihre Jünger „en passion“ bereit. Bauer Fischer, der seit seinen jungen Jahren schon die Wälder um Bergt durchstreifte und nach Zeugen der römischen Geschichte suchte, macht im Dorf selbst den ersten Fund, der die römische Besiedlung des Ortes erweist. Auf seinem eigenen Hausgrundstück wurden die Ueberreste eines römischen Gutshofes gefunden, während im nachbarlichen Anwesen einige römische Gräber aufgedeckt wurden. Dies war für den passionierten Altertumsforscher, dem gerade die jetzt erfolgreichen Ausgrabungen im Badewald viele wertvolle Hinweise zu danken haben, eine Krönung seiner archäologisch-historischen Bemühungen. Aber nicht genug damit. Bei den Kanalisationsarbeiten im Dorf wurden außerdem mehr als hundert Hufeisen aus römischer Zeit ausgegraben. Diese Funde beweisen sehr deutlich, daß nicht nur der Badewald, sondern auch der Ort Berg vor Nideggen ein bedeutender Platz in der römischen Besiedlung der Nordeifel war.





Quelle: Dürener Zeitung vom 22. September 1955
Sammlung wingarden.de
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