Zweites Heiligtum wurde im Badewald freigelegt
Einzigartige Ergebnisse rechtfertigen die Grabungen - Auf der Spur siedlungsgeschichtlicher Rätsel





Berg vor Nideggen, den 12. Oktober (Eig. Ber.)

Im Badewald bei Berg vor Nideggen wurde jetzt, dicht neben der Grabungsstelle des ersten, ein zweites römerzeitliches Heiligtum gefunden. Etwa in der Mitte des vier mal fünf Meter großen Raumes befand sich ein steinerner Schuh, der nach Ansicht der Archäologen nur zur Aufnahme einer hölzernen oder steinernen Kultsäule gedient haben kann. Dieser Fund ist einzigartig und rechtfertigt nach den Worten des Grabungsleiters Dr. von Petrikowits, der am Montag die Dürener, Aachener und Kölner Presse zu einer Besichtigung eingeladen hatte, in vollem Umfang die durchgeführten Grabungen. Die Grabungsarbeiten werden jetzt noch bis Anfang November durchgeführt und sollen im nächsten Jahr wieder aufgenommen werden, sobald Geld dazu vorhanden ist. Die Pressekonferenz am Montag war gewissermaßen der Abschluß der diesjährigen Grabungssaison. Dr. von Petrikowits nahm die Gelegenheit wahr, noch einmal dem Kreise Düren und der Deutschen Forschungsgemeinschaft für ihre finanzielle Unterstützung zu danken und den Bauern von Berg, darunter namentlich den Landwirten Baum, Fischer und Stolz, dafür seinen Dank zu sagen, daß sie selbst materielle Verluste hinnahmen, um dadurch die Grabungen zu fördern.

Bei den Ausgrabungen an dem ersten Heiligtum war den Fachleuten bereits ein zylinderisches Loch aufgefallen, das durch die Fundamente bis hinunter auf den gewachsenen, schräg abfallenden Fels reichte. Damals kam zum erstenmal die Vermutung auf, daß hier eine Kultsäule gestanden haben könnte. Der Fund des steinernen Schuhs in dem neuen Heiligtum hat nun dieser Auffassung vollauf recht gegeben. Mit diesem Fund aber ist erstmalig der Beweis erbracht, daß die in Frankreich in größerer Zahl erhaltenen gallischen Kultsäulen in umbauten Heiligtümern verehrt worden sind. Denn solche Kultsäulen kennt man teils als steinerne „Menhire“, teils als hölzerne Pfeiler. Die Tatsache, daß bisher von den Säulen selbst keine Spur gefunden wurde, läßt darauf schließen, daß in den Badewald-Heiligtümern hölzerne Pfeiler gestanden haben.

1800 Jahre alt

Im Gegensatz zu dem ersten Heiligtum, bei dem sich noch gut erhaltene Baureste fanden, wurde von dem zweiten Tempel nur das Fundament freigelegt. Eine zeichnerische Rekonstruktion wird darum hier nicht möglich sein. Von den Kultpfeilern läßt sich allerdings mit einiger Bestimmtheit sagen, daß sie die Form eines in der Länge halbierten Baumstammes gehabt haben und etwa drei Meter hoch waren. An Hand von keramischen Funden läßt sich auch das Alter der Heiligtümer und der umliegenden Profanbauten mit einiger Sicherheit bestimmen. Sie müssen um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, also um das Jahr 150 nach Christus, gebaut, und etwa 100 Jahre später wieder verlassen worden sein. Aber schon etwa tausend Jahre früher, zwischen 800 und 600 vor der Zeitwende, muß das Gelände bewohnt gewesen sein. Darauf läßt eine Urne schließen, die unter dem Fundament eines Gebäudes gefunden wurde und mit Bestimmtheit der sogenannten Hunsrück-Eifel-Kultur zugeschrieben werden konnte. Die zwischen diesen beiden Besiedlungszeiten liegende Spanne von annähernd tausend Jahren konnte jedoch bisher durch Funde nicht überbrückt werden.


Viel sorgfältige Arbeit ist nötig, um ein Gebäude wie dieses Gesindehaus freizulegen. Die Räume, in denen vor fast 2000 Jahren die Knechte und Mägde des Gutsherren aus- und eingingen, sind klar zu erkennen.

(Fotos: Plum)

Stattliches Herrenhaus

Inzwischen haben die Archäologen auch das übrige Gelände rechts und links des Weges, der von Berg zum Rödelsberg führt, erschlossen. Sie legten ein Herrenhaus frei, ein Gesindewohnhaus und drei Wirtschaftsgebäude, während der Bauplatz eines vierten Wirtschaftsgebäudes ebenfalls bekannt ist, jedoch noch nicht angeschnitten wurde. Das Herrenhaus muß ein stattliches Gebäude gewesen sein: Auf einer Bodenfläche von 20 mal 30 Metern reichte es quer über den heutigen Weg bis zur Ecke des benachbarten Wäldchens hinüber. Auf seinen Ecken standen turmartige Vorbauten, zwischen denen sich der langgestreckte Säulengang hinzog. In einem Kellerraum konten noch die sieben Stufen der Treppe freigelegt werden, die zu dem festgemauerten Raum hinabführte. In der Mauer fand man sogar noch die Nischen, in die man zu römischer Zeit das offene Licht zu stellen pflegte. Die Hypokaust-Heizung, von der zu Anfang der Grabungen sehr oft die Rede war, ist ein Teil dieses herrschaftlichen Hauses. Es ist ein römerzeitliches Haus, wie man es bei Grabungsarbeiten von England bis Ungarn, in Italien und Nordafrika immer wieder gefunden hat. Daher war es den Forschern auch verhältnismäßig leicht, die einzelnen Räume ihrer Zweckbestimmung nach anzusprechen.

Bleibarren aus Maubach oder Mechernich

Das neben dem Herrenhaus gelegene Gesindehaus ist etwa 11 x 15 Meter groß und besteht, soweit sich bisher erkennen ließ, unter anderem aus einem langen Gang und drei nebeneinander liegenden Wohnräumen. Die Räume waren geheizt, wenn auch nicht so komfortabel wie das Herrenhaus, und entsprechen in ihrer Größe den Ausmaßen, die wir in den Eifelhäusern bis zum vorigen Jahrhundert noch kannten. Vermutlich handelte es sich bei diesem Gebäude, wie auch bei dem Herrenhaus, um einen Fachwerkbau. Von einigem Interesse ist schließlich ein Bleibarren, der in dem Gesindehaus gefunden, von Dr. Voigt (Düren) untersucht und dahingehend analysiert wurde, daß er seinen Beimengungen entsprechend sowohl aus dem Maubacher Bleiberg als auch aus Mechernich stammen kann. Dieser Fund erscheint als geeignet, einmal Aufschluß über das Wirtschaftsleben der Eifel in der damaligen Zeit zu geben.

Klimatheorie gerät ins Wanken

In derselben Hinsicht ist aber auch eine „Kuhle“ aufschlußreich, die etwa 200 Meter von den Gebäuden entfernt, mitten in einem Acker liegt, etwa acht Meter tief und völlig mit Sträuchern bewachsen ist. An ihrem Rand fanden sich große Mengen Brauneisenstein, ein Erz, das in der Grube zutage tritt. Erzbrocken wurden auch im Grabungsgelände gefunden, obwohl dort keine Adern an der Oberfläche liegen. Die Frage ist jetzt, ob diese Grube schon zur Zeit dieser frühen Besiedlung ausgebeutet worden ist. Wenn ja, bedeutet dies völlig neue Aspekte für die Siedlungsgeschichte, für die es dann endlich eine Erklärung dafür geben würde, warum die Eifel in römischer Zeit so dicht besiedelt gewesen ist, obwohl der karge Boden eine solch dichte Besiedlung eigentlich kaum verständlich erscheinen läßt. Im Badewald liegt der nächste bekannte römerzeitliche Hof nur etwa 1200 Meter entfernt. Diese Erkenntnis würde aber auch ein für allemal die „Klimatheorie“, die davon spricht, daß die Eifel um die Zeitwende ein wesentlich günstigeres Klima gehabt, dementsprechend besser Bodenerträge gehabt habe als in neuerer Zeit, und darum so dicht besiedelt gewesen sei. Um der Frage nachzugehen, will Dr. von Petrikowits noch nach der „Eisenstraße“ graben, die bis in die jüngere Zeit an der Kuhle vorbei durch das heutige Grabungsgelände führte. Nach seiner Meinung muß sich dann erweisen, ob sie den festen Unterbau der alten Römerstraßen hat oder aus dem Mittelalter stammt. Die Untersuchung dieser Frage dürfte eins der bedeutendsten Ziele für das nächste Jahr sein.


Ein steinerner Schuh in der Mitte des Tempelbodens war Lohn genug für die Mühen und Kosten der Ausgrabung. Er bereicherte die Wissenschaft um eine neue wertvolle Erkenntnis über das kultische Leben der Gallier.





Quelle: Dürener Zeitung Nr. 239 vom 13. Oktober 1954
Sammlung wingarden.de
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