Ruinen der „Stadt Badua“?
Neue Funde im Badewald - Rodungen in geschichtlicher Landschaft - Vermutlich Reste einer römischen Grabkammer





Berg vor Nideggen. - Sechs behauene Steinquader von etwa 40 Zentnern Gewicht wurden vor einer Woche am Fuße des Rödelsberges bei Rodungsarbeiten gefunden. Sie geben ein neues Rätsel des von historischen Geheimnissen umwitterten Badewaldes auf. Vertreter des Landesmuseums Bonn besichtigten gestern die Fundstelle, die wahrscheinlich die Ueberreste eines römischen Grabmales ans Tageslicht förderte.

Der ahnungslose Eifelwanderer, der Erholung in den vom ersten Frühlingsglanz überzogenen Vorbergen sucht und von dem Dorf Berg südwärts dem Rödelsberg entgegenstrebt, wird an den hügeligen Ackerflächen und den kleinen Waldstücken kaum etwas Auffälliges bemerken. Er entdeckt vielleicht beiläufig zwischen den grünen Getreidebüscheln seltsame rötliche Steine in verschiedener Häufung, geht an merkwürdig geformten Senkungen vorüber und stößt mit dem Fuß am Waldrand an mehr oder weniger eckige Gesteinsbrocken.

Nicht jeder Spaziergänger ist wie ein Reporter von kundigen Männern begleitet, deren Hinweise genügen, um die Landschaft zwischen Nideggen und Wollersheim, zwischen dem Klemensstock und dem Rödelsberg zu beleben. Landwirt Heinrich Fischer aus Berg kennt jedes Winkelchen dieser Gegend. Er erzählt von seinem im Jahre 1908 verstorbenen Onkel, Pastor Josef Fischer, der in England und Frankreich war, von den Forschungen Napoleon III. über Caesars Feldzüge angeregt, später in seiner Heimat gleichartigen historischen Funden nachging und den Jungen oft auf seinen Wegen in den Badewald mitnahm. Er berichtet von Pastor Pohl aus Blens, dessen These, daß am Rödelsberg das Aduatuka Caesars liege und zitiert die entsprechenden Kommentare aus den „Gallischen Kriegen“. Auch erwähnt er die Geschichte seiner Eltern über die verschwundene Stadt Badua, deren Keller noch in den 200 eigenartigen, einen halben Morgen großen Senken zu erkennen seien. Dichtung und Wahrheit vergangener Generationen, Funde und Ausgrabungen der Gegenwart verdichten sich zum Mosaik einer geschichtlichen Landschaft, deren letzte Rätsel bisher noch nicht gelöst werden konnten.


Im Badewald fand man in der vorigen Woche sechs Steinquader, die vermutlich von einer römischen Grabkammer herrühren. Bodenpfleger Gerhard (l.) und Landwirt Fischer begutachten hier die 40 Zentner schweren behauenen Blöcke.



Wege waren Römerstraßen

Anhand einer Karte zeigt der Bodenpfleger des Kreises Düren, Lehrer Gerhards, daß der breite Feldweg, auf dem wir südwärts gehen, dem Verlauf der Römerstraße von Venlo nach Trier, im Mittelalter auf diesem Teil Eisenstraße genannt, folgt. Sein Finger deutet nördlich auf die beherrschende Anhöhe des Klemensstockes, wo heute an Stelle der alten, abgebrannten Linde drei junge Bäumchen stehen. Dort hat man fünft römische Siedlungen gefunden. Dann wandert der Blick wieder südwärts zum Rödelsberg. An seinem Fuße fand man schon vor dem Krieg Reste römischer Häuser, an seinen Hängen eine 80 m lange Trockenmauer und Spuren von Wallgräben. Rote Punkte auf dem Meßtischblatt weisen auf insgesamt neun Siedlungsfunde innerhalb des Badewaldes hin, Ruinen einer Zeit, die der Pflug aus dem gerodeten Waldboden an die Erdoberfläche schwemmte.

Der 1700 Morgen große Badewald zeiht sich von Wollersheim bis nach Nideggen, um in einem schmalen Streifen zur Rur hin auszulaufen. Der fette, vom Eifelsandstein rot gefärbte Waldboden, jetzt ein Kerngebiet des Braugerstenanbaues in der Voreifel, legte schon vor dem Kriege nahe, daß hier neues Ackerland zu erobern war. 1936 begann man mit der Verwirklichung des Rodungsplanes von 800 Morgen. Als damals die Bauern den Boden aufbrachen, stießen sie an einigen Stellen auf zahlreiche Bruchstücke von Dachziegeln, eben jene roten Steine, die der Eifelwanderer beiläufig bemerkt.

Nur noch in Island

Während wir die Berichte anhörend die alte Römerstraße entlanggehen, kommen wir an ein kleines Waldstück. Es gehört zum „Hostert“ und besteht aus dichtem Buschwerk. Doch der Augenschein trägt, wenn man hier nur eines der vielen Gesträuche der Voreifel sieht. Der Geländestreifen steht unter Naturschutz. Er birgt Pflanzen, Moose, wie man sie heute nur noch in Island findet, eisenzeitliche Ueberbleibsel aus fernsten Zeiten, ein kleines Kapitel aus dem Buch der Natur.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Römerstraße reißt eine Rodemaschine das Wurzelwerk aus dem Boden. Vor einem Monat begann man damit, den Rodungsplan aus der Vorkriegszeit zu vollenden. 120 Morgen sind noch für die Ackerfrucht vorzubereiten. Wo vor kurzem Eichenstangen standen, sogenannte Lohhecken für die Ledergerber, springt nun der Boden auf. Vor einer Woche riß die Maschine auch dort an einer Stelle mit den Wurzeln behauene Steine und Bruchstücke von Dachziegeln ans Licht. Heute kann man Scherben von dicken Dachpfannen und Firstziegeln in die Hand nehmen und darüber nachsinnen, wer auf diesem stillen Stückchen Eifelerde einmal gelebt haben mag.

Etwa hundert Schritte von dieser Stelle am Wegesrand entfernt stieß man aber auf den interessantesten Fund. Unter einem Hügel von Geröll kamen sechs Quader zutage, an denen man deutlich die Handschrift der römischen Steinmetze erkennt. Einer dieser rechteckigen Blocks mißt 1,71 mal 60 mal 50 Zentimeter und wiegt etwa 40 Zentner. Bildeten sie die Einfassung der Grabkammer eines römischen Edlen? Diese Vermutung vom Bodenpfleger Gerhards liegt nahe. Auch die Vertreter des Bonner Landesmuseums, unter ihnen Direktorialassistent Dr. Böhm befaßten sich gestern mit solchen Fragen. Die Wissenschaftler werden entscheiden müssen, was weiter in dieser geschichtlichen Landschaft, die, wie man annimmt, den Kern eines römischen Winterlagers für eineinhalb Legionen bildete, zu tun ist. Kann man den Spaten zu weiteren Forschungen ansetzen? Die Mittel sind knapp. Geschichte bringt leider keine Zinsen.

Der Marschtritt der römischen Legionen verhallte, der Sturmwind des germanischen Vordringens zerstob, die Häuser zerfielen, der Badewald versiegelte das Buch der Geschichte, aus dem der Roder heute ab und zu ein Blatt herausreißt. Traktoren werden bald ihre schnurgeraden Linie über die vergilbten Seiten ziehen, so daß das Löschblatt wogender Getreidefelder eines Tages wieder die Zeichen versunkener menschlicher Kultur bedecken wird.





Quelle: Dürener Nachrichten Nr. 93 vom 23. April 1954
Sammlung wingarden.de
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