Durch die Rodehexe freigelegt:
Römische Grabanlage im Badewald gefunden

Geschichtsträchtiges Land zwischen Clemensstock und Rödelsberg - Hypothesen um Cäsars Winterlager Atuatuca





Berg vor Nideggen, den 22. April (Eig. Ber.)

Im Gebiet des alten Badebaches, zwischen dem von Legenden umwogenen Clemensstock auf der Höhe bei Berg vor Nideggen und der höchsten Erhebung des Badewaldes, dem Rödelberg, wurde vor wenigen Tagen bei Rodungsarbeiten eines Teiles dieses alten Waldes ein neuer römischer Fund freigelegt. Die sechs schweren rohbehauenen Buntsandstein-Quadern, die von der Motorkraft einer Rodehexe ans Tageslicht gezerrt wurden, deuten nach Ansicht des Staatl. Bodenpflegers im Kreise Düren, Jakob Gerhards, auf eine reiche Grabanlage aus der römischen Siedlungszeit des dritten oder vierten Jahrhunderts nach Christus hin. Der Fund wurde in unmittelbarer Nähe einer 1937 entdeckten ausgedehnten römischen Siedlung rechts und links der alten Römerstraße Venlo-Cröw gemacht, die an dieser Stelle auch den mittelalterlichen Namen „Eisenstraße“ führt. Der Direktorial-Assistent des Bonner Landesmuseums, Dr. Böhme, und einige Mitarbeiter besichtigten am Donnerstag die Fundstelle. Es ist damit zu rechnen, daß von seiten des Landesmuseums an dieser Stelle weitere Nachforschungen mit dem Spaten durchgeführt werden, um Umfang und Bedeutung dieser erneuten römischen Funde im Badewald festzustellen.

Der Badewald, ein ehemals etwa 1600 Morgen großes Waldgelände westlich der Straße Wollersheim - Berg bis ins Rurtal bei Abenden und die landschaftlich schöne Umgebung von Berg vor Nideggen sind ein geschichtsträchtiges Land. Entlang der alten Römerstraße, die dieses Gebiet durchschneidet, wurden in den letzten Jahrzehnten in der Nähe des Clemensstock fünf römische Siedlungen freigelegt, die hier auf dieser dominierenden Höhe mit einem weiten Blick ins rheinische Land eine beherrschende Stellung hatten. Außerdem hat Bodenpfleger Gerhards, mit dem wir eine Exkursion durch dieses römische Siedlungsgebiet machten, eine große Anzahl weiterer Siedlungen entlang der Straße bis zum Rödelsberg in seine Meßtischblatt-Karte eingezeichnet. Auf Schritt und Tritt begegnen einem hier oben die alten Zeugen der römischen Besiedlung des ehemaligen Eburonenlandes. Die grünen Felder sind mit hellroten römischen Ziegelscherben, Firstziegeln und Trümmerresten der roten Sandsteinfundamente geradezu besät.

Immer neue Funde

Wohl kaum einer im Nideggen-Berger Gebiet ist so mit der römischen Vorgeschichte des Badewaldes vertraut, wie der Bauer Heinrich Fischer aus Berg vor Nideggen, der schon seit Jahrzehnten, zusammen mit dem Geschichtsforscher Pfarrer Pohl aus Blens und dem Staatlichen Bodenpfleger jeden Quadratmeter Boden des Badewaldes abgesucht und in Augenschein genommen hat. Immer wieder hebt Bauer Fischer bei unserem Gang durch die Gemarkungen seinen Spazierstock hoch, um auf neue Funde, interessante Bodenbildungen und die Vorkommen einer seltenen Flora aufmerksam zu machen, von der der verstorbene Dürener Professor Kurtz schon sagte, daß sie außer im Badewald nirgendwo mehr auf dem europäischen Kontinent anzutreffen sei. Seit man 1936 begann, große Teile des Badewaldes planmäßig zu roden, um den ausgezeichneten Boden dem überall in Deutschland bekannten Berger Braugerstenanbau nutzbar zu machen, gab es hier oben immer neue Ueberraschungen. So wartete man bei den letzten Rodungsarbeiten, die im März dieses Jahres begann und 120 Morgen Knüppelholz des Badewaldes umfassen, förmlich auf neue Funde, die auch prompt mit der jetzt entdeckten Grabanlage eintrafen.

Mit wachen Augen beobachtet

Die Bauern von Berg und die Rodungsarbeiter wissen um die historische Bedeutung ihres Waldes. Deshalb verfolgen sie jeden Erdaufwurf mit wachen Augen. Als die Rodehexe an der höchsten Stelle des augenblicklichen Rodegebietes ansetzte, war es allen klar, daß neue Funde zutage treten würden. Schon die an dieser Stelle auf dem Waldboden verstreut liegenden Sandsteintrümmerreste deuteten darauf hin. Die Ueberraschung war jedoch groß, als der tief ins Erdreich scharrende Dorn des Baggers die sechs behauenen Sandsteinquadern nach oben zerrte. Jeder von ihnen hat ein Gewicht von etwa 40 Zentnern und Ausmaße von 1,70 Meter mal 60 mal 50 Zentimeter. Die Steine wurden als Quader aus einem Sandsteinbruch zwischen Berg - Wollersheim festgestellt, der allerdings schon seit Menschengedenken nicht mehr ausgebeutet wird. Die Annahme, daß es sich um die Grabanlage eines reichen Römers handelt, wird noch dadurch erhärtet, daß bei gleichen Rodungsarbeiten 50 Meter südlich, direkt an der alten Römerstraße, zahlreiche römische Siedlungsreste ebenfalls freigelegt wurden.

Wurde hier Cäsar besiegt?

Wie Pfarrer Pohl aus Blens, so vertritt auch Herr Fischer die Hypothese, daß der Rödelsberg und das umliegende Gebiet das von den Wissenschaftlern und Forschern seit langem gesuchte Winterlager Cäsars, das Lager Atuatuca Eburonum, beherbergte, über dessen Standort sich die Geschichtsforscher nicht einig werden können. Zwar ist diese Annahme eine von etwa 20, die anderer Altertumsforscher vertreten. Aber nicht nur die Nähe der alten Römerstraße, der Fund einer Cäsarmünze an dieser Stelle durch Pfarrer Pohl und die vorhandenen Wälle und Mauern, sondern die von Cäsar selbst in seinem fünften Buch gegebenen Beschreibungen des Gebietes lassen die Richtigkeit dieser Hypothese zumindest wahrscheinlich sein. Schon der 1908 verstorbene Onkel des Bauern, Pfarrer Jos. Fischer, der lange Jahrzehnte sich auch als Altertumsforscher in England und Frankreich betätigte und in seinem letzten Lebensjahrzehnt seine ganze Aufmerksamkeit und Forscherkraft auf die Festigung dieser Hypothese verwandte, sah im Rödelsberg das alte Römerlager.

Wenn auch die jetzt gemachten Römerfunde einige Jahrhunderte jünger sind, so besteht doch die Möglichkeit, daß eines Tages die gleiche Rodehexe, die in den letzten Tagen wieder in so reichem Maße römische Funde aus dem Dunkel der Vergangenheit ans Tageslicht zog, einmal den schlüssigen Beweis erbringen kann, daß die Legionen Cäsars an dieser Stelle die literarisch belegte Niederlage durch die Eburonen unter Ambiorix erlitten haben.


Sechs schwere rohbehauene Quadern aus rotem Sandstein förderte die Rodehexe bei Rodungsarbeiten im historischen Badewald bei Berg vor Nideggen zu Tage. Inmitten eines schon seit längerer Zeit bekannten ausgedehnten römischen Siedlungsgebietes wurde hier neuerlich die Grabanlage eines reichen Römers aus der Zeit des dritten oder vierten Jahrhunderts nach Christus freigelegt. Jeder der schweren Blöcke wiegt etwa 40 Zentner. Es ist anzunehmen, daß dieser Fund weitere Spatengrabungen durch das Bonner Landesmuseum nach sich ziehen wird. Unsere Aufnahme zeigt den Staatlichen Bodenpfleger unseres Kreises, Jakob Gerhards (links), und den Bauer Heinrich Fischer aus Berg vor Nideggen, ein alter Kenner der römischen Vorgeschichte des Berger Landes bei der Besichtigung der Grabstätte.

(Foto: Schmitz)





Quelle: Dürener Zeitung Nr. 94 vom 23. April 1954
Sammlung wingarden.de
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