Villa Rustica im Badewald
Spatenvorstoß in die Geschichte
Ausgrabungen im Badewald reißen viele Probleme auf- Erstmalig Zusammenhang Tempel-Gutshof ermittelt
Weitere 8000 DM nötig - Wichtige ökonomische Aufschlüsse zu erwarten





Berg. - auf die überörtliche und übernationale Bedeutung der Ausgrabungen im Badewald hat Dr. von Petrikovits in einem Antrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Bad Godesberg hingewiesen. Zum ersten Male wurde hier auf dem Rodungsgelände des Hostert eine gallo-römische Tempelanlage im Zusammenhang mit einer ausgedehnten villa rustica, einem Gutshof aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert freigelegt. Die Grabung, für die weitere 8000 DM benötigt werden, soll vor allem auch die sozialen und wirtschaftspolitischen Gegebenheiten auf diesem gallo-römischen Gutsbetrieb prüfen und wichtige Aufschlüsse über die wirtschaftliche Struktur der Eifel, die zu jener Zeit eine ökonomische Blüte erlebte, vermitteln.

Seit vor einigen Monaten bei den ersten Grabungen im Badewald ein gallo-römischer Tempel mit rechteckiger Cella und Säulenhalle, sowie einer Einlassung für einen schweren Kultgegenstand gefunden wurde, ruhte der Spaten der Forscher nicht. Wer heute das Grabungsgelände südlich von Berg an dem Weg, der zur Straße von Zülpich nach Gemünd führt, betritt, sieht sich einer Vielzahl von Funden - insgesamt von sechs Gebäuden - und Grabungsschnitten gegenüber.

Imposantes Herrenhaus

In der Nähe des Tempels wurden die Grundmauern einer villa rustica, einer römischen Farm, zunächst auf einem fünfmal [2xxx?] Meter großen Stück freigelegt, doch verfüllte man die Fundamente weiter und kann heute bereits sagen, daß das Herrenhaus dieser Gutsanlage allein eine Ausdehnung von 20 mal 32 Metern hat. Viele frühere Funde, vor allem auch in England und in Köln-Müngersdorf, haben eine recht feste Vorstellung von diesen römischen Gutshöfen vermittelt. Die Hauptfront des Herrenhauses wurde an den beiden Ecken durch vorspringende Risalite - erkerartige Vorbauten - gekennzeichnet, die durch eine Säulenhalle verbunden waren. Gewöhnlich war diese Längsfront des Gebäudes mit dem Porticus, dem Haupteingang, nach Südosten orientiert. In gleicher Richtung waren dem Herrenhaus zu beiden Seiten der Mauer, die einen solchen Gutshof zu umgeben pflegte, die Wirtschaftsgebäude vorgelagert.

Auch in Berg scheint sich diese Grundform der villa rustica erneut zu bestätigen. Man legte auch hier eine Seitenrisalit frei und fand auch Reste einer Säule, die zu der Säulenhalle gehört. Die Eingangsfront dieses Herrenhauses, das eine große Fläche über die Zipfel des kleinen Wäldchens „Schmitze-Ranke“ hinein einnimmt, war nach Südosten gerichtet. Man legte auch einen Raum mit Fußbodenheizung, einem sogenannten Hypocaust, frei. In dem gut erhaltenen Mörtelestrich sieht man die Abdrücke der Pfeilerchen, die den eigentlichen, von unten beheizten Fußboden trugen. Daneben liegt noch ein schmaler Raum. Dann führen sieben Stufen hinab in den Keller, der auch die charakteristische Kellernische der römischen Gutshäuser aufweist. An der Nordostecke des Hauses fand man auch noch einen erhaltenen Plattenboden.

Eine Landarbeitersiedlung

Das Gebäude kann ohne weiteres der Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts zudiktiert werden, doch stand an gleicher Stelle vermutlich schon Anfang des zweiten Jahrhunderts nach Christo ein Bau, wie einzelne Spuren beweisen. Man darf schon jetzt annehmen, daß dieser wahrscheinlich abgebrannt ist. Gibt dieses Gutsgebäude nun keine Rätsel auf, so beginnt eine viel versprechende Arbeit der Frühgeschichte bei den Mauern eines anderen Baues, die man in dem kleinen Gestrüppwäldchen nordöstlich des ursprünglichen Grabungsgeländes freilegte. Drei Mauern und einen Pfeiler von diesem Bau hat man bis jetzt ermittelt. Er liegt schräg zum eigentlichen Hauptgebäude und dürfte wohl kaum innerhalb der Umfassungsmauer gestanden haben

Hier ergibt sich gleich eine der neuen wissenschaftlichen Aufgaben, die im Badewald aufgegriffen werden - nämlich einmal zu ermitteln, wo eigentlich die ganzen Landarbeiter eines solchen Gutsbetriebes untergebracht waren. Im Herrenhaus wohnten neben dem Besitzer höchstens die Haussklaven; die Wirtschaftsgebäude sind in der Regel jedoch zu klein gewesen, um - ohne große soziale Spannungen hervorzurufen - auf die Dauer als Wohnung gedient zu haben. Vielleicht wird dieses Gebäude Schlüsse auf Landarbeitersiedlungen außerhalb des umfriedeten Gutshofraumes zulassen. Und vielleicht kann man auch weitergehen und die Zahl der Menschen zu ermitteln suchen, die auf einem solchen Betrieb beschäftigt waren. Dazu dürfte auch beitragen, daß Dr. von Petrikovits, der Ausgrabungsleiter vom Bonner Landesmuseum, anstrebt, auch ein Gräberfeld anzuschneiden, das mit großer Wahrscheinlichkeit an der Straße gelegen haben dürfte, die in der Regel von einem solchen Gut zur nächsten größeren Römerstraße führte.

An der Eisenstraße

Einmalig ist der Zusammenhang zwischen Tempel und Gutshaus, der übrigens zugleich darauf hinweist, daß der Gutsbesitzer ein Gallier im weitesten Sinne des Worte gewesen sein dürfte. Vielleicht lassen sich hier übrigens auch siedlungsgeschichtliche Erkenntnisse gewinnen, wenn man etwa an die systematische Kolonisation des Neckar-Limes-Raumes durch die Römer denk und sich vor Augen führt, welch unwirtliche Waldgegend sich dieser Gutsbesitzer eigentlich aussuchte. Nur die recht begründete Hypothese, daß er das hier zahlreich vorkommende Rasenerz neben seinem landwirtschaftlichen Betrieb, der auf dem kargen Boden nicht viel abwarf, verhüttete und wirtschaftlich nutzte - oder daß er Holzkohle in den reichen Wäldern fabrizierte -, läßt in dieser Anlage einen ökonomischen Sinn finden.

Sollten die Wirtschaftsgebäude, von denen man bereits zwei im Südosten des Herrenhauses angeschnitten hat, hier weitere Anhaltspunkte geben, wird das unter Umständen für die ganze Wirtschaftsgeographie und Wirtschaftsgeschichte der Eifel, die ja zu römischer Zeit eine Blüte erlebte, von großer Bedeutung sein. Noch etwa weiter südöstlich fand man bereits einen dritten Wirtschaftsbau, der deutlich noch die Fundamente für eine hölzerne Zwischenwand enthält. Der ganze Siedlungskomplex nimmt jetzt schon eine Ausdehnung von rd. 200 Metern ein.

Vorläufige Pause

Auch in dem „Hostert“, dem Wäldchen südlich des Grabungsgeländes, in Richtung auf das Forsthaus „Aduatuca“ zu, fand man an Hand von Dachziegelkrümeln aus römischer Zeit Steinsetzungen, die in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Gutsgelände stehen. Weiter südwestlich begründen Ziegelfunde ebenfalls die Aussicht auf erfolgreiche Spatenarbeit. Doch all die Fragen, die jetzt auftauchen, werden vorerst ruhen müssen, denn in der nächsten Woche will man die Grabungen vorläufig einstellen.

Ein Antrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft soll neue Mittel flüssig machen. Natürlich wird sich auch das Bonner Landesmuseum, das zum esten Male nach dem Kriege eine solche schwerpunktartige Grabung durchführen läßt, weiter an der Finanzierung beteiligen und auch der Kreis sollte es sich nicht nehmen lassen, sein Scherflein beizutragen. 8000 DM benötigt Dr. von Petrikovits noch, um exakten Ergebnissen nahezukommen. „Der schlechte Erhaltungszustand der Gebäude ist unsere Chance“, sagt er freimütig, denn alle Fundstellen liegen sehr oberflächlich und verlangen daher nur geringe Erdbewegungen und - wenig Geld. Mit sehr exakten und gezielten Schnitten - nach vorheriger Sondierung - spart man weiter, wo man kann.

Träumereien im Badewald

Nach der Ernte auf dem Weizenfeld wird man den Spaten dort weiter ansetzen können. Auf dem gerodeten Gelände muß die Grabung beendet sein, ehe der Frost einsetzt. Im kommenden Frühjahr soll hier bereits Hafer auf diesem historisch so reichen Boden gesät werden. Eine ganze Reihe von Problemen haben die bisherigen Ausgrabungen im Badewald aufgerissen: der Zusammenhang Tempel-Gutshof räumt mit manchem Vorurteil der „einsamen Heiligtümer“ auf, die Frage nach dem wirtschaftlichen Hintergrund wird brennend und damit das Problem der Eifelkolonisation überhaupt. Wie lange reichte diese wirtschaftliche Blüte, ist die nächste Frage. Münzen, Fibeln und Keramikscherben scheinen schon jetzt die Antwort zu geben. Bis in das vierte Jahrhundert hinein. Damit schient dieses Eifelgebiet vom Frankensturm in der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts verschont geblieben zu sein und man hat eine Erklärung für die wirtschaftliche Bedeutung des Raumes, der sich von Belgien bis Trier hinzog, auch im späten Altertum. Wann setzte hier die Christianisierung ein, ist eine neue Frage? Es gibt zu denken, daß man im Tempel nur Keramikscherben bis in die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts fand. Wurde er später nicht mehr benutzt und wich dem christlichen Hausaltar?

Es sind viele Fragen. Jede Antwort, ob positiv oder negativ, wird jedoch eine Antwort von großer Bedeutung für die Geschichtsforschung sein. Die Ausgrabungen im Badewal gewinnen angesichts dieser Ueberfülle von Problemen, die sie aufrissen, eine hohe wissenschaftliche Bedeutung, auch wenn Dr. von Petrikovits noch bescheiden von „Träumereien im Badewal“ spricht.

-vr-





Quelle: Dürener Nachrichten vom 12. Juli 1954
Sammlung Marliese Wintz, Kreuzau; Sammlung wingarden.de, H. Klein
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